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02. November 2019, von Michael Schöfer
Donald Trump erfuhr nie die Anerkennung, die er verdiente


Obgleich wir bereits das Jahr 2030 schreiben, lohnt sich dieser Tage ein Blick zurück in die Geschichte ganz besonders. Renommierten Zeitungen wurde nämlich das Transkript einer anscheinend heimlich aufgenommenen Audio-Datei aus der Praxis von Doktor Walker zugespielt. Doktor Walker who? Dieser dürfte zwar den meisten völlig unbekannt sein, doch Walker war, das macht die Sache für uns so wahnsinnig interessant, lange Zeit der Psychoanalytiker von Donald Trump, dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Was die Abschrift offenbart, wird zwangsläufig unseren Blick auf die Geschichte ändern. Ändern müssen! Die Einordnung von Trumps Präsidentschaft war seitens der Historiker eigentlich längst abgeschlossen, doch nun dürften die brandneuen Forschungsergebnisse zu einer dramatischen Neuinterpretation der Geschichtsschreibung führen. Nicht zuletzt dank der erhalten gebliebenen, wenngleich bruchstückhaften Abschrift.

Doch sehen wir uns zunächst das Transkript an, dessen Verfasser nicht überliefert ist (Übersetzung ins Deutsche: M.S.). Die Aufnahme stammt vermutlich aus der Zeit Ende 2019.

Donald Trump: Herr Doktor, ich kann nicht mehr. Ich kann mich nicht mehr verstellen.

Dr. Walker: Donald, wir wussten beide, dass dieser Moment früher oder später kommen würde. Und erinnern Sie sich, was wir vereinbart haben?

Donald Trump: Ja, ja, ich weiß: durchhalten. Durchhalten, egal was da kommen mag. Ohne Durchhaltevermögen bleibt das Ziel unerreichbar. Aber Herr Doktor, es geht nicht mehr. Ehrlich.

Dr. Walker: Was geht nicht mehr? Und warum geht es nicht mehr?

Donald Trump: Nun, ich muss seit Jahren dieses vulgäre Arschloch spielen. Die Leute sagen, ich sei ein Narzisst. Sie sagen, ich sei ein notorischer Lügner. Sie sagen, ich sei ein Sexist. Sie behaupten, ich hätte einen miesen Charakter. Außerdem halten sie mich für einen infantilen Idioten, der besser im Kindergarten als im Oval Office aufgehoben wäre. Und jetzt wollen mich die Demokraten auch noch mit einem Amtsenthebungsverfahren aus dem Weißen Haus vertreiben. Herr, Doktor, die gefährden alles, diese Verräter zerstören unseren großartigen Plan. Das ist zu viel, ich halt' das nicht mehr länger aus.

Dr. Walker: Donald, wie ich sehe, haben Sie Ihre Rolle inzwischen so verinnerlicht, dass Sie sogar mir gegenüber in den mühsam antrainierten Gossen-Jargon zurückfallen. Ich halte es Ihrer Erregung zugute. Doch das ist hier gar nicht nötig, also lassen wir das mit den "Verrätern" am besten sein. Befassen wir uns ausschließlich mit Ihrem Problem, den Plan wie ursprünglich vorgesehen weiterzuverfolgen.

Donald Trump: Herr Doktor, die [ unverständlich ] haben schon in der Anfangszeit von Barack Obamas Amtszeit nach jemandem gesucht, der Wladimir Putin hinterlistig in eine Falle locken kann. Mit normalen Methoden sei dem nicht beizukommen, behaupteten sie. Und da ich gerade knapp bei Kasse war, kam das Angebot für mich wie gerufen.

Dr. Walker: Die haben Ihnen doch lang und breit erklärt, wie das Ganze funktionieren soll. Oder nicht?

Donald Trump: Natürlich, ich sollte von Anfang an den totalen Anti-Präsidenten spielen, aber nach den Analysen der [ unverständlich ] könnte ich paradoxerweise gerade damit Erfolg haben. Selbst Obama, den ich übrigens noch immer sehr schätze, hat mich dazu ermutigt. Offenbar hielt er Hillary für ungeeignet. Wenn die sich verstellt, hat er gesagt, riecht man den Braten zehn Meilen gegen den Wind. Ich dagegen könnte von meiner Vita her leicht den prolligen Sprücheklopfer spielen, der nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Und was mich am meisten gewundert hat: es funktionierte. Es funktionierte tadellos, ich besiegte Hillary. Ich allein. Einfach grandios!

Dr. Walker: Na bitte, lief doch prächtig. Womit haben Sie dann Probleme?

Donald Trump: Ich halte das nicht mehr aus. Die Zeitungen machen sich entweder über mich lustig oder schreiben, ich wäre eine Gefahr für die Demokratie. Bloß weil ich diesen Feinden des Volkes…

Dr. Walker: Donald, ich muss doch sehr bitten!

Donald Trump: ...sorry, es wird nicht wieder vorkommen. Die Leute lesen halt den Unsinn, der in meinem Namen auf Twitter gepostet wird. Und sie nehmen ihn für bare Münze. Unglaublich. Um auf dem Laufenden zu sein, muss ich mir ständig diesen schrecklichen Fox News-Sender anschauen. Ich habe gar keine Zeit mehr, anspruchsvolle Literatur zu lesen, so wie ich es früher gerne gemacht habe. Doktor Walker, ich bin intellektuell vollkommen ausgehungert. Auch Melania… Ach, lassen wir das.

Dr. Walker: Gut, gut, das kann ich verstehen. Aber wenn Sie jetzt aufgeben, wird das bloß dem Putin helfen. Der merkt doch mit einem Schlag, dass alles gefaked war und zieht womöglich noch rechtzeitig seinen Kopf aus der Schlinge.

Donald Trump: Ich weiß… Hm, gut war ja die Nummer zu behaupten, Putins Hacker hätten die Wahl 2016 zu meinen Gunsten beeinflusst. Dass das mit den E-Mails unsere [ unverständlich ] waren, hat keiner herausgefunden. Klasse! In Washington lässt sich sonst nie etwas geheim halten.

Dr. Walker: Und was war das Ziel des Ganzen? Können Sie sich daran noch erinnern?

Donald Trump: Na klar, ich soll mich im Amt so dämlich anstellen, dass Putin glaubt, die USA leicht über den Tisch ziehen zu können. Obama hat mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen begonnen, ich sollte sie vollenden. Putin wäre doch nie mit seinem Militär nach Syrien gezogen, wenn wir keine Schwäche gezeigt hätten. Jetzt ist er drin, kann aber nicht wieder raus. Und wir können unsere Jungs sukzessive nach Hause holen. Zieht Putin seine Soldaten ab, stürzt Assad. Bleibt er mit seinen Soldaten drin, hat er auf Jahre hinaus horrende Kosten zu tragen. So wie wir seit 2001 in Afghanistan. Aber ein Land wie Russland, mit einer Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung auf dem Niveau von Mauritius, kann sich das nicht lange leisten.

Dr. Walker: Na wunderbar, Donald, anscheinend haben wir, was wir wollten. Das müsste Sie doch freuen.

Donald Trump: Einerseits schon, andererseits möchte ich mal wieder ich sein - der, der ich wirklich bin, und nicht andauernd diesen größenwahnsinnigen Einfaltspinsel spielen. Ich möchte, dass mich die Leute endlich so sehen, wie ich in Wahrheit bin: geistreich, großherzig, empathisch, belesen, anständig, ehrlich, eloquent. Kurzum, ein guter Präsident, keine Lachnummer. Soll ich so in die Geschichte eingehen? Was werden meine Enkel von mir halten?

Dr. Walker: Aber Donald, das wurde Ihnen doch für die zweite Amtszeit versprochen. Auch Ronald Reagan durfte in seiner zweiten Amtszeit unvermittelt vom Kriegstreiber zum Friedensstifter mutieren und mit den Sowjets den INF-Vertrag abschließen. An den Kriegstreiber, den er in seiner ersten Amtszeit spielte, erinnern sich nur noch wenige. Man hat ihm sogar die horrende Schuldenaufnahme verziehen. Reagan ist als Held in die Geschichte eingegangen: "Mr. Gorbachev, tear down this wall!" Steht auf der gleichen Stufe wie "Ish bin ein Bearleener".

Donald Trump: Stimmt, aber offenbar haben die [ unverständlich ] vergessen, Nancy Pelosi und diese noch viel lästigere Alexandria Ocasio-Cortez in den Plan einzuweihen. Die beiden versauen mir doch mit dem Impeachment das, was mir zusteht. Und wenn ich mir den Donald anschaue, den ich seit Jahren spiele, kann ich ihnen nur beipflichten. Ich schäme mich ja inzwischen vor mir selbst. Herr Doktor, das geht über meine Kräfte. Seien Sie aufrichtig, kann man das ernsthaft von mir verlangen?

Liebe Leserinnen uns Leser, an dieser Stelle bricht das Transkript leider ab. Bislang haben wir die Ursache der militärischen und ökonomischen Überdehnung Russlands historisch auf etwas ganz anderes zurückgeführt. Dass die Russen noch jahrelang in Syrien gegen den wiedererstarkten "Islamischen Staat" kämpfen mussten, hielten wir bislang für eine zwangsläufige Folge des Versagens der Vereinigten Staaten. Eine von langer Hand geplante Strategie, die von Donald Trump, wie wir mittlerweile eingestehen müssen, meisterhaft umgesetzt wurde, zog kein einziger Beobachter in Erwägung. Bei dem Bild, das Donald Trump absichtlich nach außen abgab, wenig verwunderlich. Das Ende des Systems Putin, das angesichts der zunehmenden Verarmung weiter Bevölkerungskreise Mitte der zwanziger Jahre kollabierte, brachte man zwar durchaus mit Donald Trump in Verbindung, allerdings mit einer völlig falschen Einschätzung der auslösenden Ursache - nämlich bloß als Riesendummheit eines Dilettanten anstatt, wie es nunmehr gerechtfertigt erscheint, als Werk eines begnadeten Politikers.

Viel nützen wird es ihm leider nichts mehr. Als Trump im Wahljahr nach einem glücklich überstandenen Impeachment die Maske fallen ließ und der Öffentlichkeit sein wahres Gesicht präsentierte, haben ihn nicht bloß seine bisherigen Gegner ausgelacht, sondern seit diesem Zeitpunkt auch seine Anhänger. Es kam, wie es angesichts der Vorgeschichte kommen musste: Trump verlor bei der Wahl am 3. November 2020 fast alle roten Bundesstaaten (= republikanische Mehrheit) an die Demokraten. Die politische Landkarte der USA färbte sich blau, weil Joe Biden unerwartet einen Erdrutschsieg einfuhr. Als dann bei Biden zwei Jahre danach Alzheimer diagnostiziert wurde, übernahm die damalige Vizepräsidentin Elizabeth Warren das Ruder. Mit ihrer klugen Sozialpolitik überwand sie die langanhaltende Durststrecke ihrer Partei und verschaffte den Demokraten erneut die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses. Es heißt, die Republikaner würden noch auf Jahre hinaus keinen Blumentopf mehr gewinnen.

Und Donald Trump? Zog sich als gebrochener Mann schweigend auf sein Anwesen in Palm Beach im US-Bundesstaat Florida zurück. Als er 2027 im Alter von 81 Jahren starb, gewährte man ihm noch nicht einmal ein Staatsbegräbnis auf dem Nationalfriedhof Arlington. Donald Trump starb als verkanntes politisches Genie und wurde unweit seines Golfplatzes begraben. Als einziger Staatschef gab ihm Kim Jong-un die letzte Ehre ("dedicated to the great 'The Donald' - your one and only rocket man"). Es ist die Tragik seines Lebens, dass er aus der Rolle des völlig überforderten Politikers nie mehr herausfand. Das aufgetauchte Transkript (die Audio-Datei selbst bleibt verschollen) wird die Historiker hoffentlich dazu bewegen, sein Wirken neu zu bewerten und seine Präsidentschaft im Nachhinein als eine der außenpolitisch erfolgreichsten einzuordnen. Wer sonst kann sich rühmen, einen Gegner mit einem ausgeklügelten Plan und ohne einen einzigen Schuss schachmatt gesetzt zu haben? Das war Staatskunst in höchster Vollendung, wie wir neidlos anerkennen müssen. Wie aus gut unterrichteten Kreisen verlautetet, will man Donald Trump angeblich demnächst posthum die Presidential Medal of Freedom und die Congressional Gold Medal (die beiden höchsten zivilen Auszeichnungen der USA) verleihen. Wer hätte gedacht, dass unser Bild von Donald Trump eine so jähe Kehrtwende nehmen würde? Der Autor dieser Zeilen jedenfalls nicht.