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11. Mai 2021, von Michael Schöfer
Kampagne gegen Grüne Jugend


Zuerst hat meines Wissens Liyun Gothóni auf Twitter mit den Worten "Nette Inspiration!" den Eindruck erweckt, die Grüne Jugend habe sich bei der graphischen Gestaltung eines Plakats von einem alten kommunistischen Plakat aus der Zeit von 1931 inspirieren lassen. [1] Gut eine Stunde danach musste er zurückrudern: "Es ist ein Plakat zur 90-Jahresfeier des vom Komsomol ausgearbeiteten & 1931 eingeführten Breitensportprogramm 'Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der UdSSR. Also kein Sowjet-Original." [2] In einem weiteren Tweet erläuterte er: "Zum Verständnis: Die Grünen haben also ein aktuelles Plakat russischer Kommunisten geklaut und keins aus dem 20. Jahrhundert." [3] Doch die Grüne Jugend hat gar nichts von russischen Kommunisten "geklaut", wir wir noch sehen werden.



Trotz Liyun Gothónis Berichtigung hat es sich die BILD-Zeitung nicht nehmen lassen, auf diesen Fake-News-Zug aufzuspringen. Am 10.05.2021 um 15:11 Uhr veröffentlichte Julian Röpcke auf der Website des Blattes: "KOMMUNISMUS ALS VORBILD? Grüne Jugend warb mit Lenin-Propaganda. (…) Sowjet-Skandal bei den Grünen?" [4] Röpcke gab als Quelle ausdrücklich Twitter an.

Doch das ist ein billiger Versuch, die Grünen zu diskreditieren, die Vorwürfe fallen nämlich nach einer kurzen Recherche wie ein Kartenhaus in sich zusammen: Die Grafik gibt es als frei verfügbare Vektorgrafik bei Adobe Stock. "Adobe Stock ist ein Dienst, der Designern und Unternehmen Zugang zu Millionen von hochwertigen, lizenzfreien Bildern, Videos, Illustrationen und Vektorgrafiken bietet." [5]

Aber anders als BILD suggeriert ist die Grafik nicht aus sowjetischer Zeit, sondern wurde von der Firma Macrovector Vector illustration design studio in Singapur hergestellt, einem kommerziellen Anbieter. Die eigentliche Herkunft wird von BILD allerdings unterschlagen.

Auch das russischsprachige Plakat ist nicht von 1931, sondern weist auf den o.g. 90. Jahrestag hin. Es stammt von Neokommunisten, die offenbar das gleiche Bildmaterial der Firma aus Singapur verwendet haben.

Gewiss, über Geschmack lässt sich streiten. Aber wenn ich eine frei verfügbare Grafik verwende, bin ich dann für andere Nutzer verantwortlich, die sie ebenfalls verwenden? Habe ich zu ihnen eine politische Nähe? Macht es das Ganze zu einem Skandal? Natürlich nicht, denn so eine Ansicht ist vollkommen absurd. BILD hätte besser recherchieren müssen, was gemeinhin die Aufgabe von Journalisten ist. Aber da das kaum ein Leser nachprüft, die von BILD erst recht nicht, wird der gewünschte Eindruck erweckt: Grüne Jugend = Nähe zu stalinistischen Kommunisten. BILD ließ sich zwar von Liyun Gothóni zu dem Bericht anregen, hat jedoch seine Berichtigung ignoriert. Ob bewusst oder fahrlässig, sei dahingestellt. Irgendwie typisch BILD - so wie wir das Blatt seit langem kennen.

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[1] Liyun Gothóni, Tweet vom 10.05.2021, 09.04 Uhr
[2] Liyun Gothóni, Tweet vom 10.05.2021, 10:16 Uhr
[3] Liyun Gothóni, Tweet vom 10.05.2021, 10:17 Uhr
[4] Bild.de vom 10.05.2021
[5] Adobe, Häufig gestellte Fragen zu Adobe Stock, PDF-Datei mit 151 KB