11. April 2017, von Michael Schöfer
Unsichere Zeiten


US-Admiral James Winnefeld, damals stellvertretender Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, verteilte Beruhigungspillen. Er war 2015 trotz eines anscheinend erfolgreichen Raketentests davon überzeugt, dass Nordkorea noch "viele Jahre" von der Entwicklung einer U-Boot-gestützten Interkontinentalrakete entfernt ist. [1] Nordkorea wird sicherlich nicht so bald über eine Atomrakete interkontinentaler Reichweite verfügen, mit dem das Land die USA treffen könnte. Das las man jedenfalls noch vor kurzem in den hiesigen Leitmedien. [2]

Kim Jong Un hat schon nachweislich Bilder von nordkoreanischen Raketenstarts fälschen lassen, da kann es mit seinen tatsächlichen Fähigkeiten nicht allzu weit her sein, lautete die Schlussfolgerung. Doch heute ist sich die Welt in ihrem Urteil nicht mehr so sicher. Zumindest hält es US-Präsident Donald Trump für angebracht, eine Flugzeugträgergruppe zur koreanischen Halbinsel zu entsenden. Die USA fühlen sich durch Kim Jong Uns Atompolitik zunehmend bedroht. Er werde, so verkündete Trump öffentlich, das Problem der Atombewaffnung Nordkoreas notfalls im Alleingang lösen. Das heißt ohne die Unterstützung Chinas. Nach dem Bombardement eines syrischen Militärflughafens traut man ihm das sogar zu.

Nun ist Abschreckung ohnehin wie der Ritt auf einer Rasierklinge. Ist sie erfolgreich, hält sie die Kontrahenten von einem direkten Krieg ab. Wenn sie jedoch versagt, endet ein nuklearer Schlagabtausch für alle Beteiligte mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich. Schon Explosionen von 100 Megatonnen Sprengkraft könnten unter bestimmten Umständen einen "nuklearen Winter" auslösen. Dann wäre die gesamte Menschheit betroffen. Also Beteiligte ebenso wie Unbeteiligte. Nordkorea ist nach bisherigen Erkenntnissen noch nicht so weit, über eine gesicherte Zweitschlagsfähigkeit zu verfügen. Solange das Regime in Pjöngjang im Wesentlichen "nur" Südkorea Schaden zufügen kann, könnte sich aus der Sicht der USA ein Präventivschlag lohnen. Zumindest wenn dabei die direkte Konfrontation mit China, dem Protektor Nordkoreas, ausbleibt.

Konflikte geraten allerdings erfahrungsgemäß rasch außer Kontrolle. Vor allem, wenn es dabei für einen Beteiligten um Leben oder Tod geht. Der inhärente Trend zur Eskalation. Paradoxerweise beruht Abschreckung auf rationalen wie auf irrationalen Elementen. Nichts verdeutlicht das besser wie die Zusicherung der wechselseitigen Zerstörung. Grundsatz: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter. Es ist zutiefst rational, damit zu drohen (um den Gegner von einem Angriff abzuhalten). Es ist freilich total irrational, das beiderseitige Todesurteil nach dem Versagen der Abschreckung auch zu vollstrecken. Letzteres wäre dann bloß noch blinde Rache, weil das eigene Schicksal ja bereits besiegelt ist. (Angesichts unserer artspezifischen Aggressivität halte ich blinde Rache indes für die wahrscheinlichste Reaktion.) Kurzum, Abschreckung braucht rationale und gleichzeitig irrationale Politiker. Man muss den Präsidenten der USA und Russlands zutrauen, angesichts der fatalen Folgen keinesfalls den Erstschlag auszuführen, also stets das Für und Wider rational abzuwägen. Und man muss ihnen zugleich zutrauen, gegebenenfalls wirklich auf den roten Knopf zu drücken, um den eigentlich irrationalen Zweitschlag auch tatsächlich auszuführen.

In diesem Sinne waren zum Beispiel sowohl Richard Nixon als auch Leonid Breschnew berechenbar - trotz all der Mängel, die sie persönlich aufzuweisen hatten. Bedauerlicherweise sind wir uns über die rationalen und irrationalen Anteile von Donald Trump und Kim Jong Un völlig im Unklaren. Wenn bei einem Politiker, der über den Einsatz von Nuklearwaffen bestimmt, der irrationale Anteil überwiegt, ist die Gefahr natürlich hoch. Wenn jedoch bei zwei Politikern der irrationale Anteil dominiert, ist die Gefahr ungleich höher. Sie ist dann riesengroß. Und momentan hat man das ungute Gefühl, da rasen zwei Lastwagen aufeinander zu, in deren Führerhaus jeweils gewohnheitsmäßige Spieler sitzen. Sie spielen das klassische Chicken Game (Feiglingsspiel): Wer ausweicht, hat das Spiel verloren. Es gewinnt der mit den besten Nerven. Oder der, der am besten blufft. Allerdings nicht immer, was dem Spiel für Hasardeure seinen besonderen Reiz verleiht. Nicht selten sterben beide, weil sie irrtümlich vom anderen in allerletzter Sekunde ein Ausweichmanöver erwarten. Im vorliegenden Fall könnte sich Donald Trump im Vorteil wähnen, weil Nordkorea die USA vermutlich noch nicht direkt treffen kann. Vielleicht erscheint ihm Südkorea sogar als verzichtbar. Wer weiß das schon bei ihm. Keiner. Die große Unbekannte ist und bleibt China. Und was die Machthaber in Peking tun, falls es zu einem heißen Krieg in Korea kommt, ist unkalkulierbar.

Es sind unsichere Zeiten. Unsicherere denn je.

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[1] Reuters vom 20.05.2015
[2] Süddeutsche vom 09.09.2016




© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim
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