16. April 2017, von Michael Schöfer
Abschiedsbrief eines Voyeurs

(eine Glosse)

Du kennst mich nicht, aber ich kenne Dich, zumindest fast jeden Fleck Deines wunderbaren Körpers. Wir sind zusammen alt geworden, denn ich beobachte Dich schon geraume Zeit. Ich kenne sogar die Bilder, als Du Dir Deine Brüste noch nicht mit Silikon hast vergrößern lassen. Doch nach der OP sahen sie zugegebenermaßen viel schöner aus. Das war eine weise Entscheidung. Dass sie künstlich sind, hat mich nie gestört. Weiß man ja ohnehin nur, wenn man Deine frühen Bilder kennt. Außerdem sind Männer bekanntlich primitiv. Nur mit Deinen Lippen hättest Du etwas zurückhaltender sein sollen, die sind nämlich für meinen Geschmack viel zu aufgeblasen. Das ist nicht sinnlich, das wirkt billig. Sorry, ich weiß, der Konkurrenzdruck… Und heutzutage machen es alle. Aber entschuldigt das jede ästhetische Verirrung?

Im Zenit Deiner Karriere verdrehtest Du Millionen Voyeuren den Kopf, hast ständig neue Fotosessions gemacht und dabei anscheinend auch ordentlich verdient. Es geht in diesem Geschäft in Wahrheit nur ums Geld, doch das ist den meisten gar nicht bewusst. Nur so aus Spaß an der Freude zieht sich ja keine vor der Kamera aus. Das glauben höchstens naive Gemüter. Ziel war, Filme zu verkaufen. Immerhin, Du warst die Königin der Nacktmodels. So wohlproportioniert, wirklich niemals ordinär. Und erst Deine schwarzen Haare, eine wahre Augenweide, sie korrespondierten meisterhaft mit den verführerischsten Augen des Universums. Kurzum, einfach hocherotisch. Mein Großvater hätte gesagt: "Ein sauberes Madl." Okay, okay, ich geb's zu, manchmal neige ich dazu, die Welt ein bisschen schönzufärben.

Doch ich habe mir aufrichtig Sorgen um Dich gemacht, denn ich dachte, das kann nicht ewig so weitergehen. Wo wird das enden? Tatsächlich warst Du plötzlich verschwunden. Es hieß, Du hättest Dir irgendeinen Millionär geangelt. Bestimmt haben die Männer bei Dir Schlange gestanden, und Du hast Dir halt das prächtigste Exemplar herausgesucht. Er hat Deinen Körper sicherlich genauso gemocht wie ich. Er durfte ihn eben bloß in echt genießen, während ich… Papperlapapp, mich hättest Du sowieso nie erhört. Weniger wegen meinem Bierbauch, eher wegen dem vergleichsweise niedrigen Kontostand. Und in den angesagten Clubs von L.A. verkehre ich auch nicht. Kennst Du vielleicht Kirchdorf an der Iller? Egal, schließlich bekommt auch bei den Berberaffen immer nur das Alphatier die attraktivsten Weibchen ab. Dagegen sitzen selbst abgesetzte Paschas traurig am Rand der Horde herum und leben hauptsächlich von ihren Erinnerungen. Tut zwar weh, but that's life.

Ein paar Jahre lang habe ich nichts mehr von Dir gehört, im Internet fand ich bloß die altbekannten Bilder, aber das wurde auf Dauer zu langweilig. Zum Glück gibt’s bei Nacktmodels keine Nachwuchsprobleme. Ja, das wundert mich echt. Melden die sich wirklich massenhaft bei den Pornoproduzenten? Warum eigentlich? Was bringt eine junge, bildhübsche Frau dazu, sich vor aller Welt zu entblößen? Give me pink! So what? Die Bilder bekommt man ja im Internet nie wieder weg, die bleiben dort fast ewig gespeichert. Eine spezielle Form der Unsterblichkeit. Aber einen normalen Job kann man dann natürlich vergessen. Von was lebt ein Nacktmodel, nachdem es welk geworden ist? Ich schätze mal, in dem Job bleiben ihr maximal zehn Jahre, dann hat sie gegen das nachdrängende junge Gemüse keine Chance mehr. Klingt grausam, ist grausam. Und ich kenne Namen, die mittlerweile völlig in der Versenkung verschwunden sind.

Du hast es jedenfalls richtig gemacht und Dir einen Millionär geangelt. Aber es muss etwas schiefgegangen sein, denn plötzlich warst Du wieder da. Du seist zurückgekehrt, hieß es lapidar. Ich vermute, dass Deine Beziehung mit ihm in die Brüche ging. Und von irgendetwas muss eine Frau ja leben. Doch von was, wenn sie sich nur ausziehen kann? Da bleibt ihr ja nichts anderes übrig, als vor die Kamera zurückzukehren. Oder es wenigstens zu versuchen. Ich will ehrlich sein, man sieht es Dir an, Du bist älter geworden. Die Erschöpfung in Deinem Gesicht ist kaum zu verbergen. Und anscheinend macht Dir der Job nicht mehr so viel Spaß wie früher. Deinen aktuellen Bildern fehlt die Ausstrahlung prickelnder Erotik. Jetzt hat man den Eindruck, als wärst Du eher lustlos zugange. Wahrscheinlich ödet Dich das Ganze an. Du wirkst desillusioniert. Ich merke das, denn ich kenne Dich schon ziemlich lange. Unter Umständen sogar länger als Dein verflossener Millionär.

Wie verbleiben wir nun? Soll ich dabei zusehen, wie Du von Fotosession zu Fotosession faltiger wirst? Das macht nicht nur Dich traurig, sondern auch mich. Vor etlichen Jahren gab es Dich nur auf einschlägigen Pornoseiten zu sehen, doch inzwischen haben wir Facebook, Twitter und Instagram. Dort gibt es jede Menge hübsche Frauen, die mehrmals täglich Selfies posten und währenddessen halbnackt vor dem Badezimmerspiegel stehen oder sich lasziv auf dem Bett räkeln. Man darf sie virtuell beim Shoppen oder zu Events begleiten. Und ununterbrochen steigen sie bei protzigen SUVs ein oder aus. Gelegentlich winken sie ihrem Publikum huldvoll zu. Ich habe festgestellt, es gibt ein paar, denen folgen Millionen Follower (so nennt man Voyeure neuerdings).

Damit einhergehend hat sich aber auch das Geschäftsmodell radikal verändert. Während Du ehedem von den Pornoproduzenten bezahlt wurdest, machen die jungen Dinger das völlig umsonst. Wenn sie allerdings genug Follower haben, verdienen sie mit Werbung irre viel Geld. Zufälligerweise tragen sie bei den Selfies teure Markenklamotten oder -dessous. Häufig stehen dann edel aussehende Parfümflakons, hochwertige Mineralwasserflaschen oder Tüten angeblich wirksamer Diäten herum, die - rein zufällig - ebenfalls mit aufs Bild kommen. Im Fernsehen würde man von Product-Placement sprechen. Doch anscheinend funktioniert das Geschäftsmodell recht gut, die Instagram-Tussies können offenbar davon leben. Manche verkaufen nebenbei auch DVDs oder Bücher. Titel: "Wie ihr in 28 Tagen ein knackiges Hinterteil bekommt", "Positive Energie für den karmafreien Power-Body" oder "Endlich fit, schlank, schön und glücklich" etc. Einige, so ist zu lesen, hätten dafür sogar ihr Studium abgebrochen. Na, wenn das mal gutgeht.

Den Voyeuren, Verzeihung, Followern ist das natürlich egal. Hauptsache knappe Dessous. Hauptsache aufreizende Posen. Und sie werden nicht enttäuscht. Es soll genug Teenager geben, die sich eine 20-jährige Instagram-Tussi zum Vorbild nehmen und deshalb genau die gleichen Dessous oder genau das gleiche Diätprodukt kaufen. Sex sells. In jeglicher Hinsicht.

Ich merke gerade, ich schweife etwas ab.

Also zurück zu uns respektive zu Dir. Was willst Du nun gegen diese Flut von Instagram-Tussies machen, wie willst Du noch gegen sie ankommen? Dein ernstes Gesicht wirkt ratlos. Und ich weiß auch keine Lösung, denn mir gefallen die jungen Dinger ja ebenfalls. Die aufgespritzten Lippen übersehe ich geflissentlich. Tu mir bitte den Gefallen: Werde nicht so wie viele andere alternde Stars, die krampfhaft jung bleiben wollen, sich dabei aber bloß der Lächerlichkeit preisgeben. Die Bilder von einstigen Busenwundern, nach denen sich die Männerwelt in den neunziger Jahren verzehrte, hinterlassen heute einen faden Nachgeschmack. "Was, das ist aus ihr geworden? Wie gut, dass ich sie nicht abgekriegt habe…" (Obgleich, wie man weiß, real nie der Hauch einer Chance bestand.) Anders ausgedrückt: Ich will Dich würdevoll in Erinnerung behalten.

Wir sollten unsere Beziehung beenden. Deine Bilder habe ich ja fein säuberlich auf der Festplatte abgespeichert, die kann ich mir also immer wieder aufs Neue ansehen. Sofern ich dazu überhaupt Zeit habe, denn auf Instagram gibt es Millionen andere. Ich komme gar nicht mehr nach mit dem Sammeln. Glücklicherweise ist Speicherplatz heute kein Problem mehr. Zumal nun viele Bilder in einer Auflösung durch die Glasfaserkabel rauschen, von der Du früher nur geträumt hast. Weißt Du noch, Deine allerersten Sessions? Bestenfalls 450x650 Pixel. Und eine Auflösung, die an die langsamen 36K-Modems von damals angepasst war. Kannst Du Dich noch an deren Einwahltöne erinnern? Wie oft bin ich rausgeworfen worden und musste Windows 95 neu starten, um Deine Bilderserie vollständig herunterladen zu können. Wenn man diese Wartezeiten zusammenrechnet… Meine Festplatte hatte lediglich 504 Megabyte. Mann, das waren Zeiten!

Lass uns einfach Schluss machen. Kurz und schmerzlos. Ich wünsche Dir jedenfalls alles Gute. Und wenn wir uns zufällig mal wieder über den Weg laufen sollten, bin ich eben versehentlich auf eine Vintage-Site gestoßen. Darf ich dennoch weiterhin "Du" zu Dir sagen? Du bist mir so vertraut. Ich habe mich übrigens kürzlich bei Twitter angemeldet. Ja, auch ich followe jetzt.

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Dislaimer: Dieser fiktive Abschiedsbrief ist natürlich allein der schriftstellerischen Freiheit geschuldet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Handlungen oder mit realen Personen wäre rein zufällig. Und selbstverständlich würde ich das Internet nie in der beschriebenen Art und Weise nutzen. Meine diesbezüglichen Motive waren und sind stets ehrenhaft. Pornos? Sehen sich immer nur die anderen an...



© Michael Schöfer, Kleinfeldstr. 27, 68165 Mannheim
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