05. Juli 2017, von Michael Schöfer
Die Pjöngjang-Astrologen


Früher hatte der durchaus ehrenwerte Beruf des Kreml-Astrologen Hochkonjunktur. Das waren politische Beobachter, die aus der stets mürrischen Miene von Andrei Gromyko (Spitzname "Grim Grom") herauslesen wollten, was die Sowjetunion im Schilde führte. Gromykos Gesichtszüge waren aber wohl nur deshalb so unergründlich, weil das Politbüro in Moskau offenbar selbst nicht weiterwusste. Diese Ratlosigkeit führte schließlich Ende 1991 zur Auflösung des ruhmreichen Arbeiterparadieses. Gromyko ist das zum Glück erspart geblieben. Es ist allerdings ein böswilliges Gerücht, er habe auf dem Totenbett zum ersten Mal gelächelt, denn an seiner absoluten Linientreue gab es bis zuletzt nicht den geringsten Zweifel.

Heute sind Kreml-Astrologen zwar nach wie vor aktiv, aber ihre Bedeutung hat enorm nachgelassen. Russland ist, Gott sei's geklagt, nur noch eine Regionalmacht. Behauptete jedenfalls ein gewisser Barack Obama. Außerdem hat sich inzwischen der noch viel ehrenwertere Beruf des Pjöngjang-Astrologen in den Vordergrund gedrängt. Nordkorea ist nämlich eine ungleich größere Unbekannte als die ehemalige Sowjetunion, die Pjöngjang-Astrologen sind demzufolge begehrter denn je. Das liegt vor allem an Kim Jong-un. Nordkoreas Diktator beherrscht im Gegensatz zu Gromyko immerhin zwei deutlich unterscheidbare Gesichtsausdrücke: Entweder er schaut bierernst oder er lächelt. Ja, Sie haben richtig gelesen: er lächelt. Er lächelt sogar ziemlich oft. Motto: "Wer lächelt statt zu toben, ist immer der Stärkere." (Laotse) Wenn das die Sowjets geahnt hätten... Bis zu Donald Trump hat sich diese asiatische Weisheit übrigens noch nicht herumgesprochen.

Nordkorea sei noch lange nicht so weit, Interkontinentalraketen zu bauen, beruhigten uns die Pjöngjang-Astrologen vor wenigen Monaten. Nun sind sie entsetzt, weil Nordkorea erfolgreich eine Interkontinentalrakete getestet hat. Jetzt kann Kim Jong-un das amerikanische Staatsgebiet treffen. Einst hieß es, Nordkorea sei gar nicht in der Lage, Atomwaffen zu bauen - bis das Land 2006 erstmals eine explodieren ließ. Dann galt eine andere Sprachregelung: Nordkorea könne Atomsprengköpfe auf absehbare Zeit nicht so klein bauen, dass sie auf eine Raketenspitze passen. Die Antwort auf die Frage, ob das inzwischen gelungen sei, bleiben uns die Pjöngjang-Astrologen jedoch schuldig. Sie schweigen. Vermutlich, weil sich ihre Treffgenauigkeit nicht von der anderer Astrologen unterscheidet - mehr als die Zufallswahrscheinlichkeit ist bei ihnen nicht drin. Mittlerweile besitzt Nordkorea nach eigenen Angaben auch die Wasserstoffbombe. Es sind also alle Ingredienzien für einen spektakulären Showdown vorhanden.

"Kim testet aus, wie weit er gehen kann", behauptet ein japanischer Pjöngjang-Astrologe unverdrossen. Das klingt nach: "Der beißt nicht, der will bloß spielen." Doch die Motive Kim Jong-uns sind in Wahrheit vollkommen schleierhaft. Viel zu oft haben sich die Pjöngjang-Astrologen getäuscht. Das Dumme ist: Selbst wenn es stimmen würde, auf der anderen Seite des Pazifiks darf sich ein egomanischer Prolet mit der geistigen Reife eines Teenagers Oberbefehlshaber der stärksten Streitmacht der Erde nennen. Dachten wir, mit George W. Bush wäre intellektuell der absolute Tiefpunkt erreicht, müssen wir uns nun eines Besseres belehren lassen: Es geht tatsächlich noch tiefer. Trump beherrscht die Mimik von Gary Cooper in High Noon. Ganz hervorragend sogar. Und das ist definitiv keine gute Nachricht. Dafür, dass auch Trump bloß spielen will, würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Ich fürchte, wir treiben auf einen Konflikt zu, von dem niemand weiß, wohin er führt und wie er ausgeht.

Die entscheidende Frage ist, ob China in der Lage ist, Kim Jong-un zu stoppen. Doch der führende chinesische Pjöngjang-Astrologe, Staatspräsident Xi Jinping, dessen mimische Fähigkeiten fast an die des seligen Andrei Gromyko heranreichen, wirkt genauso ratlos. Vielleicht weiß das Orakel von Hamburg einen Ausweg, dort sitzen nämlich gerade alle relevanten Pjöngjang-Astrologen beisammen. Da trifft es sich gut, dass die Hamburger Pythia wie das klassische Vorbild eine Frau ist. Angeblich soll sie damals in Delphi von Dämpfen in Trance versetzt worden sein. An dieser Stelle ein kleiner Hinweis (hat ja bei der "Ehe für alle" ebenfalls geklappt): Die FDP und die Grünen, also die Jamaika-Koalitionspartner in spe, wollen Cannabis legalisieren. Da könnte doch ein Sit-in mit Angela Merkel in der "Roten Flora" ein ähnliches Zeichen setzen wie die Gewissensfrage auf der Brigitte-Veranstaltung in Berlin. Zugegeben, das dürfte dem Seehofer kaum gefallen, aber dem Thema dennoch eine ungeahnte Dynamik verleihen. Letztlich schluckt die Union selbst das. Wetten? In der "Roten Flora" gibt es bestimmt etwas Ordentliches zu rauchen. Und wenn dann alle gemeinsam im großen Kreis leicht benebelt beratschlagen, was man mit dem Kerl in Pjöngjang anfangen soll, entspannt sich in der Hansestadt gewiss auch das zuletzt etwas gereizte Klima. Warum immer so verbissen? Genau besehen könnte Demokratie so schön sein…



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