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17. Februar 2008, von Michael Schöfer
Hexenprozess


Im 13. Jahrhundert kam es mit dem Aufkommen der Inquisition zu den ersten Hexenverbrennungen. Dem Hexenwahn sollten in Europa im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte 40.000 bis 60.000 Menschen zum Opfer fallen - überwiegend Frauen. Einzelheiten, insbesondere im Hinblick auf die Beweisführung, sind nur etwas für Sadisten und obendrein im vorliegenden Zusammenhang ohne Bedeutung, so dass ich es mir erspare näher darauf einzugehen. Die letzte Hinrichtung einer Hexe fand in Deutschland vermutlich 1756 statt, in der Schweiz 1782 und in Mitteleuropa 1793. [1] Dann war der Spuk endlich vorbei. Heute, nach mehr als 200 Jahren Aufklärung, können wir darüber nur noch verständnislos den Kopf schütteln. Der Glaube an Hexerei ist reiner Aberglaube, wissenschaftlich betrachtet ist er absoluter Blödsinn.

Leider hat sich das noch nicht bis nach Saudi-Arabien herumgesprochen, dort soll nämlich demnächst eine Hexe hingerichtet werden. Ich weiß, der Blick auf den Kalender verrät uns, wir leben mittlerweile im Jahr 2008. Aber im Islam gilt eben eine andere Zeitrechnung, diese beginnt erst mit dem 16.07.622 unserer Zeitrechnung. Am 09.01.2008 (christlicher Zeitrechnung) begann mit dem Sonnenuntergang das islamische Jahr 1429. [2] In Saudi-Arabien ist nicht nur die Zeitrechnung, sondern die gesamte gesellschaftliche Ordnung anders. Religion spielt dort eine bedeutende Rolle - und zwar in einem Ausmaß, das wir hierzulande kaum nachvollziehen können. Die europäische Aufklärung ist auf der arabischen Halbinsel nie angekommen, in gewissem Sinne befindet sie sich also noch im Mittelalter. Das merkt man der Rechtsprechung an.

Der Organisation Human Rights Watch zufolge wurde Fawza Falih in Saudi-Arabien wegen Hexerei zum Tode verurteilt. "Unter anderem habe das Gericht den Fall eines Mannes aufgeführt, der angab, von Falih verhext worden und anschließend impotent geworden zu sein. Hexerei gilt in dem konservativen Königreich als Straftat gegen den Islam." [3] Hinrichtungen wegen Hexerei sind jedoch selbst im einer rigiden Auslegung des Islam unterworfenen Saudi-Arabien äußerst selten. Glaubt man der Aufstellung von todesstrafe.de gab es bislang lediglich vier Hinrichtungen wegen Hexerei (überraschenderweise ausnahmslos Männer). Auf der Website beginnt die Zählung allerdings erst mit dem Jahr 1980. Meist wird die Todesstrafe in Saudi-Arabien durch öffentliche Enthauptung mit dem Schwert vollstreckt.

Im Grunde ist das Ganze unvorstellbar. Schon allein die Todesstrafe ist ein inhumaner Anachronismus. Wohlgemerkt nicht nur in Saudi-Arabien, sondern weltweit. Aber eine Hinrichtung wegen Hexerei schlägt dem Fass den Boden aus, da sträuben sich einem sämtliche Nackenhaare. Human Rights Watch appelliert an König Abdullah, die Verurteilte zu begnadigen. Die Hoffnung ist nicht unbegründet, denn Ende letzten Jahres begnadigte Abdullah eine 19-jährige Frau, "die erst von sieben Männern vergewaltigt und dann von einem Richter zu sechs Monaten Haft und 200 Peitschenhieben verurteilt worden war. Das harte Gerichtsurteil hatte die Frau erhalten, da sie sich, als sie von den Vergewaltigern verschleppt worden war, in Begleitung eines Mannes befunden hatte, der nicht mit ihr verwandt oder verheiratet ist. Das ist in dem islamischen Königreich eine Straftat." [4]

Manchmal weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Wie auch immer, die Saudis meinen es jedenfalls ernst. Todernst sogar.

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[1] Wikipedia, Hexenverfolgung
[2] Wikipedia, Islamischer Kalender
[3] Welt-Online vom 15.02.2008
[4] Kurier vom 18.12.2007