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| Impressum 12. September 2011, von Michael Schöfer Denkverbote "Um den Euro zu stabilisieren, darf es auch kurzfristig keine Denkverbote mehr geben. Dazu zählt notfalls auch eine geordnete Insolvenz Griechenlands, wenn die dafür notwendigen Instrumente zur Verfügung stehen", sagt der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler. [1] Auch in der Union mehren sich die Stimmen, die eine Staatspleite zumindest in Erwägung ziehen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble soll sogar bereits den Eventualfall durchrechnen lassen. Man bekommt fast den Eindruck, als wolle man sich des lästigen Problems durch das Herbeireden der Insolvenz entledigen. Doch die Politik begibt sich damit auf eine äußerst riskante Gratwanderung. Kann sein, dass ein mit der Insolvenz verbundener Schuldenschnitt die Situation für die Griechen etwas entspannt und die Banken dadurch wenig in Mitleidenschaft gezogen werden. Es kann aber genauso gut sein, dass die Insolvenz eine Kettenreaktion auslöst, die auch Portugal, Italien, Irland, Spanien und wer weiß wen sonst noch mit in den Abgrund reißt. Spätestens dann brennt Europa lichterloh, sind Staats-, Bank- und Unternehmenspleiten finanziell kaum noch aufzufangen. Wer mag schon für die eine oder andere Alternative wirklich die Hand ins Feuer legen? Rösler? Merkel? Seehofer? Das Ganze ähnelt mehr und mehr einem politischen Blindflug. Ein Experiment, bei dem ohnehin der Steuerzahler am Ende die Zeche zahlt. Die deutschen Banken haben ihre Griechenland-Anleihen zum Teil losgeschlagen, dafür hält die EZB mittlerweile ziemlich viele davon: "Insgesamt hat die EZB seit Mai 2010 Griechenland-Anleihen in Höhe von 50 Milliarden Euro gekauft, schätzen Experten. Zudem sind offenbar über so genannte Tendergeschäfte weitere Staatsanleihen im Wert von 60 bis 90 Milliarden Euro von griechischen Geschäftsbanken als Sicherheit bei der EZB und den europäischen Notenbanken für aufgenommene Kredite hinterlegt." [2] Die Beteiligung der Gläubiger sieht im Fall einer griechischen Staatspleite doch so aus: Die privaten Geldgeber haben vergleichsweise wenig zu verlieren (wenigstens hierzulande), Hauptgläubiger ist wieder einmal der Staat, und zwar in Form der bei der EZB gebunkerten Papiere und den bislang beim Hilfspaket abgegebenen Garantien und Überweisungen. Philipp Röslers Ruf nach einer "geordneten" Insolvenz ist im Grund lächerlich, da es derzeit gar kein Insolvenzrecht für Staaten gibt. Und bis man eines schaffen könnte, guten Willen der Staatengemeinschaft vorausgesetzt, gehen gewiss Monate, wenn nicht Jahre ins Land. Das Problem brennt uns aber jetzt unter den Fingernägeln. Außerdem verstößt vor allem die FDP beharrlich gegen die Forderung, es dürfe keine Denkverbote geben. Die FDP ist geradezu die Partei der Denkverbote.
Wenn der FDP Vorsitzende also sagt, es dürfe "keine Denkverbote mehr geben", so meint er natürlich nur solche, die ihm in den Kram passen. Eigene Denkverbote abzubauen, dagegen wehrt er sich vehement. ---------- [1] Die Welt-Online vom 11.09.2011 [2] tagesschau.de vom 16.06.2011 [3] FDP vom 29.07.2011 [4] FDP vom 19.08.2011 [5] FDP vom 07.10.2010 [6] FDP vom 17.08.2011 [7] FDP vom 01.09.2011 [8] FDP vom 17.08.2011 [9] FDP vom 06.04.2011 |