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| Impressum 06. Juni 2015, von Michael Schöfer Alles eine Frage des Trainings "Werte Vereinskollegen", beginnt der 100-Meter-Läufer ziemlich kleinlaut, "ich muss gestehen, dass ich euch angelogen habe. In den letzten Jahren habe ich nämlich nicht so hart trainiert, wie ich das im Trainingsbuch dokumentiert habe. Die von mir eingetragenen Zeiten sind leider falsch. Sorry, aber in Zukunft mache ich es bestimmt besser."Man braucht kein Leichtathletik-Fan zu sein, um über die fragwürdigen Methoden der Vereinsführung den Kopf zu schütteln. Jeder Laie weiß, dass es so nicht klappen kann. Aber ersetzen Sie, liebe Leserinnen und Leser, im obigen Text die Vereinsführung durch die Troika (EU, EZB, IWF) und den 100-Meter-Läufer durch Griechenland. Die Griechen haben vor ein paar Jahren die Zahlen frisiert und eine höhere Schuldenquote gehabt, als sie ursprünglich zugaben. Okay, shit happens. Die Troika versprach Hilfe, sofern die Griechen - analog zum Entzug des rechten Laufschuhs - Löhne und Renten kürzen sowie Beamte entlassen würden. Zwangsläufige Folge: Die Wirtschaft brach ein, die Schuldenquote stieg, ein partieller Schuldenschnitt war unvermeidlich. Nun verlangt die Troika - analog zum Entzug des linken Laufschuhs -, die Renten abermals zu kürzen und zudem die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Dadurch wird aber die Wirtschaft noch mehr einbrechen, weil die gesamtwirtschaftliche Nachfrage erneut sinkt. Wie soll so ein investitionsfreundliches Klima geschaffen werden, das die griechische Wirtschaft wieder ankurbelt? Ein weiterer Schuldenschnitt wird dadurch nahezu unumgänglich. Von der offenbar erschöpften Leidensfähigkeit der Bevölkerung ganz zu schweigen. Wenigstens EU-Präsident Jean-Claude Juncker zeigt ein bisschen Einsicht: "Wir waren zu unachtsam, was die sozialen Konsequenzen der Krisenpolitik in den einzelnen Ländern anbelangt. Da muss man eingreifen. Wer nicht sieht, dass es in Griechenland eine humanitäre Krise gibt, der ist blind und taub für das, was vor Ort geschieht. (…) Die etablierten Parteien haben oft das Gefühl für die Ängste und Nöte der Menschen verloren." [1] Wie sollen die Griechen je von ihren Schulden herunterkommen, wenn man ihrer Wirtschaft die Luft zum Atmen abschnürt? Und wenn sie auf die Strangulation hinweisen, bekommen sie von der Troika keine Schere zum Durchschneiden des Seils angeboten, sondern bloß den angesichts der lebensbedrohlichen Situation absolut hirnrissigen Rat, sie mögen halt härter trainieren. Es drängt sich einem der Eindruck auf, die Troika wünscht den "Grexit" (das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone) geradezu herbei. Jedenfalls scheint sie derzeit alles zu tun, dass es dazu kommt. Spannende Frage: Wer ist schuld, wenn Griechenland kollabiert? Die Vereinsführung oder der 100-Meter-Läufer? Die Troika oder die neue griechische Regierung unter Alexis Tsipras? ---------- [1] Süddeutsche vom 01.06.2015 |