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20. Dezember 2017, von Michael Schöfer
Gefasel eines Trunkenen
Der neue Innenminister Österreichs, Herbert Kickl (FPÖ), wird
von der Süddeutschen als "Straches Hirn" beschrieben - ganz
so, als ob FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache kein eigenes
hätte. Wie dem auch sei, jedenfalls gilt Kickl als "graue
Eminenz" der Rechtspopulisten. Die meiste Freude habe er,
berichtet die SZ, wenn Kickl sein Gegenüber in Debatten "mit
Verweis auf Kant und Hegel in Grund und Boden polemisieren
kann. Schließlich hat Kickl Philosophie studiert." [1] Will
heißen: Ein echter Intelligenzbolzen, der Kickl. Nun ja…
Greifen wir doch einfach mal willkürlich zwei Zitate von Kant
und Hegel heraus und überlassen das Urteil den Leserinnen und
Lesern selbst:
-
"Wenn wir von unserer Art, uns selbst innerlich
anzuschauen, und vermittelst dieser Anschauung auch alle
äußeren Anschauungen in der Vorstellungskraft zu befassen,
abstrahieren, und mithin die Gegenstände nehmen, so wie
sie an sich selbst sein mögen, so ist die Zeit nichts. Sie
ist nur von objektiver Gültigkeit in Ansehung der
Erscheinungen, weil dieses schon Dinge sind, die wir als
Gegenstände unserer Sinne annehmen; aber sie ist nicht
mehr objektiv, wenn man von der Sinnlichkeit unserer
Anschauung, mithin derjenigen Vorstellungsart, welche uns
eigentümlich ist, abstrahiert, und von Dingen überhaupt
redet." (Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft) [2]
-
"Nach der Seite, daß diese Unterschiede dem gleichgültigen
Medium angehören, sind sie selbst allgemein, beziehen sich
nur auf sich, und affizieren sich nicht; nach der Seite
aber, daß sie der negativen Einheit angehören, sind sie
zugleich ausschließend; haben aber diese entgegengesetzte
Beziehung notwendig an Eigenschaften, die aus ihrem Auch
entfernt sind. Die sinnliche Allgemeinheit, oder die
unmittelbare Einheit des Seins und des Negativen, ist erst
so Eigenschaft, insofern das Eins und die reine
Allgemeinheit aus ihr entwickelt, und voneinander
unterschieden sind, und sie diese miteinander
zusammenschließt; diese Beziehung derselben auf die reinen
wesentlichen Momente vollendet erst das Ding." (Georg
Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes) [3]
Alles
klar? Haben Sie es verstanden? Natürlich mutet es unfair an,
aus einem Werk von immerhin 1.011 (Kant, Reclam-Ausgabe) bzw.
597 Seiten (Hegel, Reclam-Ausgabe) blindlings und völlig
losgelöst vom jeweiligen Kontext zwei Sätze herauszugreifen.
Aber ich kann meinen Leserinnen und Lesern versichern, dass
der gesamte Rest genauso "verständlich" ist. (Wobei, damit
keine Missverständnisse auftreten, die Essenz von Kants
bahnbrechender Erkenntnistheorie und Hegels Dialektik von Herr
und Knecht durchaus Bewunderung verdient.) Wer also in
Debatten mit Kant und Hegel auftrumpft, ist entweder
tatsächlich ein echter Intelligenzbolzen oder bloß ein
Wichtigtuer und Blender. Vermutlich werden Sie jetzt sagen:
Das schreibt einer, der halt zu blöd ist, Kant und Hegel zu
verstehen, und seinen Frust am armen Herbert Kickl abarbeitet.
Motto: Was kann der Kickl dafür, dass er so intelligent ist?
Ein nicht von der Hand zu weisender Gesichtspunkt. Allerdings
bezeichnete auch ein gewisser Albert Einstein Hegels
Philosophie als "Gefasel eines Trunkenen". Ähnlich hart
urteilte der Vater der Relativitätstheorie über Aristoteles:
"Es war eigentlich recht enttäuschend. Wenn es nicht so dunkel
und konfus wäre, hätte sich diese Art Philosophie nicht so
lange halten können. Aber die meisten Menschen haben eben
einen heiligen Respekt vor Worten, die sie nicht begreifen
können, und betrachten es als ein Zeichen der
Oberflächlichkeit eines Autors, wenn sie ihn begreifen
können." (Ein Wirkmechanismus, der übrigens nicht nur auf dem
Gebiet der Philosophie anzutreffen ist.) An Einsteins
mangelnder Intelligenz kann es wohl kaum gelegen haben.
Sollten Sie also einmal in die Verlegenheit kommen, mit dem
österreichischen Innenminister Herbert Kickl zu diskutieren
und er dabei Kant und Hegel hervorholen, sollten Sie sich
milde lächelnd zurücklehnen und das Ganze mit großer
Gelassenheit hinnehmen. Bestimmt verstehen es 99 Prozent der
Zuhörer genauso wenig. Was freilich nichts daran ändert, dass
man mit dem Gefasel eines Trunkenen Eindruck schinden kann.
Schließlich wird man nicht ohne Grund Minister (vor allem in
Österreich, wo man bekanntlich auf den schönen Schein noch
großen Wert legt).
----------
[1] Süddeutsche
vom 19.12.2017
[2] Projekt
Gutenberg, Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft -
1. Auflage - Kapitel 11
[3] Projekt
Gutenberg, Georg Wilhelm Friedrich Hegel,
Phänomenologie des Geistes - Kapitel 13
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