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06. Februar 2024, von Michael Schöfer
Der machtlose Rundfunkbeitragszahler


Von Unternehmen sind wir ja inzwischen großspurige Marketingsprüche gewohnt, die sich allerdings in der Realität oft genug als substanzlose Sprechblasen entpuppen. Mehr Schein als Sein. Bei Unternehmen, die etwas verdienen wollen, kann das schnell zu Auftragseinbrüchen führen, weil sich die Kunden zu Recht abwenden. Würde etwa ein Autobauer einen Sportwagen anbieten, bei dem sich unter der Haube nur der schwachbrüstige Motor eines Kleinwagens verbirgt, könnte er binnen kurzem Insolvenz anmelden. Genau das erdreistet sich jedoch der Öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR). Ohne sich wie privatwirtschaftliche Unternehmen am Markt gegen die Konkurrenz behaupten zu müssen, fließt ihm das Geld durch den Rundfunkbeitrag quasi von alleine zu. Wozu also noch anstrengen? Gerade deshalb sieht der ÖRR so aus, wie er heute aussieht: Uninteressant und in die Jahre gekommen. (Wobei ich die Kritik nicht als Plädoyer für die noch viel schlimmeren Privatsender missverstanden wissen will.)

Auf Marketingsprüche will der ÖRR dennoch nicht verzichten. Beispiel: Der ARD-Vorsitzende Kai Gniffke will den ÖRR bis Ende des Jahrzehnts zum relevantesten Streaming-Anbieter in Deutschland machen. Kein Witz! Klingt sogar logisch, lineares Fernsehen ist out, insbesondere bei den Jüngeren, die schon länger eher Netflix, Disney+ oder Amazon Prime bevorzugen. Doch wenn man bei den öffentlich-rechtlichen Sendern unter die Haube blickt, sieht man nicht einmal einen schwachbrüstigen Kleinwagenmotor, sondern leider allzu oft buchstäblich nichts. Vor der Erfindung des Flachbildfernsehers hätte man - im übertragenen Sinne - gesagt: Man guckt in die Röhre.

Das ist keineswegs neu, schon vor knapp einem Jahr habe ich mich mächtig darüber aufgeregt, dass bestimmte Sender im hiesigen DVB-T2-Angebot nicht zu empfangen sind, etwa der Mitteldeutsche Rundfunk, man bei Spielfilmen aber häufig nicht ins Internet ausweichen kann, weil ausgerechnet die des Öfteren "aus rechtlichen Gründen" nicht im Livestream zur Verfügung stehen. [1] Nachdem mein Fernsehgerät unlängst den Geist aufgab, ich aber glücklicherweise in ausreichendem Maße mit PCs, Tablet und Handy versorgt bin, verzichtete ich auf einen Neukauf. Seitdem bin ich beim Fernsehen nun ganz aufs Internet angewiesen. Moderne Zeiten eben. Wozu gibt es die Mediatheken mit Livestreams und Abrufvideos?

Denkste! Denn an der Misere hat sich bis dato überhaupt nichts geändert, die Kritik ist wirkungslos verpufft. Am Sonntag um 20:15 Uhr auf ARTE: Der Spielfilm kann aus rechtlichen Gründen nicht im Livestream gezeigt werden! Am darauffolgenden Montag um 22:15 Uhr im ZDF: Der Spielfilm kann aus rechtlichen Gründen nicht im Livestream gezeigt werden! Die Videos sind natürlich auch im Nachhinein nicht abrufbar. Als Fernsehzuschauer und Rundfunkbeitragszahler schreibt man zwar eine empörte E-Mail nach der anderen, bekommt aber noch nicht einmal eine Antwort. Wenn der ÖRR zum relevantesten Streaming-Anbieter in Deutschland werden will, sollte er zumindest auch etwas zum Streamen anbieten. Etwas, das interessant ist. Wie will man die junge Generation begeistern, wenn man kein begeisterungsfähiges Portfolio hat? Und zudem viele Spielfilme wie seit Großmutters Zeiten nur linear gezeigt werden dürfen. Willkommen im 21. Jahrhundert!

So wird das jedenfalls nichts mit dem "relevantesten Streaming-Anbieter in Deutschland". Wer Autos verkaufen will, sollte dafür sorgen, dass sie einen Motor haben und auch fahren. Wer Streaming anbietet, sollte Filme zeigen, die im Internet auch wirklich zu sehen sind. Andernfalls verprellt man seine noch verbliebenen Befürworter, ohne sich neue Zuschauerschichten zu erschließen. Zugleich wird dadurch das ohnehin angeschlagene Renommee des ÖRR noch mehr beschädigt. Gelegentlich hat man den Eindruck, der ÖRR ist mittlerweile zum reinen Selbstbedienungsladen verkommen. Kai Gniffke verdient nach eigenen Angaben rund 30.000 Euro. Wohlgemerkt: Nicht im Jahr, sondern jeden Monat. Und er liegt damit unter den Intendanten nicht einmal an der Spitze. Einigen wir uns darauf, er "verdient" die 30.000 Euro nicht, er "bekommt" sie. Und wir Rundfunkbeitragszahler können nicht einmal etwas dagegen tun. Himmel-Herrgott-Sakrament-Kruzifix-Halleluja-verdammt-nochamoi.

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Nachtrag (08.02.2024):
Arte hat mir geantwortet, der Sender schreibt: "Wir versichern Ihnen, dass wir bei jedem Film und jeder Dokumentation bemüht sind, auch die Rechte für eine Internetverbreitung zu beschaffen, sowohl für den Livestream als auch für das Replay. Gerade im Spielfilmbereich gelingt uns dies jedoch leider nicht immer, da die Produzenten oder Verleihfirmen manchmal selbst nicht über die entsprechenden Rechte verfügen oder aber kostenpflichtigen Portalen den Vorrang geben."
Selbst wenn die Schuld tatsächlich bei den Produzenten oder Verleihfirmen liegen sollte, ist das angesichts der Häufigkeit von Sperrungen der Internetverbreitung für den Rundfunkbeitragszahler absolut unbefriedigend. Der Absatz von Fernsehgeräten nimmt kontinuierlich ab, doch der Verbreitungsweg des ÖRR übers Internet ist angesichts der oben geschilderten Restriktionen kein adäquater Ersatz. Das muss sich, nicht zuletzt im Interesse des ÖRR selbst, ändern.