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22. August 2025, von Michael Schöfer
Wo liegt bloß dieses sagenumwobene Wolkenkuckucksheim?


Marcel Fratzscher, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), schlug vor kurzem eine Sonderabgabe für wohlhabende Rentner vor, die er "Boomer-Soli" nannte. Sein genialer Gedanke: Boomer zahlen für Boomer. [1] Ökonomen wirft man ja oft vor, im Wolkenkuckucksheim zu leben, ob das auch auf Fratzscher zutrifft, kann ich in Ermangelung seiner Privatadresse nicht bestätigen, halte es aber für wahrscheinlich. Die Sonderabgabe lässt er - je nach Szenario - bei 902 Euro bzw. 1.048 Euro beginnen, alle darüber liegenden Alterseinkünfte sollen mit einer proportionalen Abgabe von zehn Prozent belastet werden. [2] Ich weiß ja nicht, wo der sagenumwobene Ort Wolkenkuckucksheim genau liegt, was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass dort die Lebenshaltungskosten und Mieten ziemlich niedrig sein müssen, denn wo, außer in Wolkenkuckucksheim, gelten Rentner mit rund 1.000 Euro Rente als "wohlhabend" (vulgo reich)?

Heute hat der 54-Jährige nachgelegt: Notwendig sei ein neuer Generationenvertrag. "Wir brauchen mehr Solidarität der Alten mit den Jungen." Deshalb will er ein soziales Pflichtjahr für alle Rentnerinnen und Rentner einführen. "Die ältere Generation müsse sich gesellschaftlich 'stärker einbringen, beispielsweise im Sozialbereich, aber auch bei der Verteidigung', fordert der Ökonom Fratzscher. Die Bundeswehr würde dann von den technischen Fähigkeiten vieler Rentner profitieren, erläuterte er." [3] Super! Das hat mich total begeistert, endlich spricht mal jemand über unsere technischen Fähigkeiten und bezeichnet uns nicht bloß als unproduktiven, d.h. nutzlosen Ballast der Leistungsgesellschaft. Meinen 15-monatigen Wehrdienst habe ich 1978/79 geleistet, das ist nun 47 Jahre her. Und? Ist der Russe damals gekommen? Natürlich nicht! Abschreckung as its best. Mit den Erfahrungen der heutigen Rentnergeneration müsste Pistorius viel weniger Angst vor Putin haben. 1979 sind die Russen zwar in Afghanistan einmarschiert, doch vor uns hatten sie offenbar großen Bammel, sonst wären sie ja bestimmt ins viel wohlhabendere Deutschland gekommen, um bei den reichen deutschen Rentnern die Waschmaschinen zu erbeuten und sie in Russland gewinnbringend zu verticken.

Diese Erfolgsgeschichte in der Landesverteidigung schreiben die Älteren dann im sozialen Pflichtjahr mit großem Enthusiasmus fort. Es gibt freilich ein paar Einschränkungen. Gerne würde ich mit den Jüngeren meine profunden Kenntnisse des Sturmgewehrs G3 von Heckler & Koch teilen, das wir in der Grundausbildung blind zu zerlegen und wieder zusammenzubauen gelernt haben. Doch wie ich mit Entsetzen lese, wurde inzwischen das Gros der G3-Sturmgewehre vernichtet. Höchst bedauerlich, aber wir können den Jüngeren immerhin noch davon vorschwärmen, die werden zweifellos begeistert unseren Worten lauschen. So wie wir früher auf Familienfeiern den Berichten über den Weltkrieg. Ausgebildet wurde ich übrigens auch an der 20-mm-Flak Zwilling 1095 der Luftwaffe. Und wie ich rein zufällig erfahren habe, soll im Auto- und Technikmuseum Sinsheim tatsächlich noch ein solches Flugabwehrgeschütz stehen. Ob es reaktivierbar ist? Nun, die Rentner sind es ja auch. Apropos: 1978/79 gab es natürlich weder Internet noch Handy, genauso wenig sind wir damals Drohnen geflogen, aber das schmälert unsere von Fratzscher hochgelobten technischen Fähigkeiten nur unwesentlich. Ach, der Erfahrungsaustausch macht das soziale Pflichtjahr bestimmt für Rentner und Junge gleichermaßen zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Abgesehen natürlich von den altersbedingten Einschränkungen, unter denen Ältere typischerweise zu leiden haben. Der Sanitätsbereich der Bundeswehr wird seinen Medikamentenbestand wohl oder übel um Blutdrucksenker und Rheumamittel erweitern müssen, auch Kompressionsstrümpfe und ggf. sogar Rollatoren sollten dringend beschafft werden. Hoffentlich ist dafür vom Sondervermögen zur Ertüchtigung der Bundeswehr noch etwas übrig. Gibt es Rollatoren mit Flecktarn-Lackierung? Das wäre vorteilhaft, schließlich soll das Gesamtbild der Rentner im sozialen Pflichtjahr stimmig sein. Trotz der künstlichen Knie- und Hüftgelenke fürs Vaterland im Gleichschritt marschieren - so erträumt man sich für gewöhnlich den Lebensabend. Bei der Tauglichkeitsuntersuchung kann man vermutlich auf den Sportteil verzichten, allerdings sind Demenztests sicherlich unverzichtbar. Wir wollen doch nicht, dass ein seniler Rentner versehentlich den dritten Weltkrieg auslöst.

Was jedem Vernünftigen sofort einleuchten wird: Dank Fratzscher können die Älteren in ihrer voraussichtlichen Restlaufzeit noch etwas Sinnvolles tun, anstatt bloß ständig im Fernsehen "Tatort" anzuschauen oder im Altersheim "Bingo" zu spielen. Und wenigstens müssen sie dann nicht mehr in den Mülltonnen nach Pfandflaschen suchen oder bei der Tafel Lebensmittel kaufen, denn ihnen stehen ja die Bundeswehr-Kantinen offen. Allein schon drei vollständige Mahlzeiten am Tag machen das soziale Pflichtjahr zum Rentnerparadies. Reiche Rentner (so ab ca. 1.000 Euro) dürfen sich dort nach Dienstschluss ein Bier gönnen, mitunter sogar zwei. Ach, ich wäre Fratzscher zutiefst dankbar, wenn er mir noch mitteilen würde, wo dieses Wolkenkuckucksheim liegt, denn ich würde gerne dort hinziehen. Meine Ansprüche sind relativ bescheiden, eine Zwei-Zimmer-Wohnung für schlappe 210 Euro Warmmiete reicht vollkommen. Dann könnte ich mir sogar den "Boomer-Soli" leisten.

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[1] siehe Boomer sollen für Boomer zahlen vom 03.07.2025
[2] DIW, Wochenbericht Nr. 29/2025, Seite 455, PDF-Datei mit 483 KB
[3] ZDF vom 22.08.2025