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23. August 2025, von Michael Schöfer
Dieser Wahnsinn wird kein gutes Ende nehmen


Es ist eine Schande, was die Welt im Gazastreifen sehenden Auges hinnimmt. Es ist vor allem eine unglaubliche Schande für Israel selbst. Es war ein Mythos, dass die Israelis angesichts der Verbrechen, die den Juden jahrhundertelang angetan wurden, die besseren Menschen sind. Sie sind, im Guten wie im Schlechten, so wie alle anderen auch. Und diese israelische Regierung repräsentiert zweifellos das Schlechte.

Wie kann man bloß den offenkundigen Hunger im Gazastreifen als "Fake-Kampagne der Hamas" abtun? "Es gibt keine Hungersnot in Gaza", behauptet das israelische Außenministerium. [1] Die IPC-Initiative widerspricht vehement: "Das Leben von 132.000 Kindern unter fünf Jahren sei wegen Unterernährung bedroht, teilte die Initiative mit. 41.000 davon würden als besonders bedrohliche Fälle betrachtet. (…) Die Hungersnot sei menschengemacht, schreibt das IPC in einem Post auf der Plattform X. Sie könne gestoppt werden, wenn ausreichend Lebensmittel in den Gazastreifen gelassen werden." [2] Doch Israel lässt die bereitstehenden Hilfslieferungen nicht durch, jedenfalls nicht in ausreichendem Maße, obgleich es völkerrechtlich dazu verpflichtet wäre. Spätestens wenn die Hungernden verhungert sind, wird Israel die Toten wohl kaum noch als Propaganda der Hamas bezeichnen können. Dann ist es freilich zu spät.

Nach Angaben des britischen Guardian gelten nach israelischen Daten "8.900 namentlich genannte Kämpfer der Hamas und des Palästinensischen Islamischen Dschihad als tot oder wahrscheinlich tot." (Stand Mai 2025) Die Gesamtzahl der Todesopfer beträgt aber 53.000 Menschen. Das heißt, in dem noch laufenden Konflikt waren bislang auf palästinensischer Seite 83 Prozent der Getöteten Zivilisten. [3] Es gab in der Weltgeschichte nur wenige Konflikte, in denen der Anteil der zivilen Opfer höher war. Israel begeht im Gazastreifen schwere Kriegsverbrechen. Und die Hinweise verdichten sich, dass dort auch ein Völkermord stattfindet. So etwas ist absolut inakzeptabel.

Der Legende nach hat Gott zu Abraham gesagt: "Deinen Nachkommen gebe ich dies Land von dem Strom Ägyptens an bis an den großen Strom, den Euphrat." [4] Der Euphrat fließt bekanntlich durch Syrien und den Irak, mit dem "Strom Ägyptens" könnte der Nil gemeint sein. Eine wachsende Zahl von national-religiösen Israelis nehmen das wörtlich, ihr "Gelobtes Land" umfasst große Teile der heutigen Nachbarländer des modernen Israels. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sich kürzlich zur Vision von "Großisrael" bekannt, manche subsumieren darunter Gebiete, die zu Ägypten, Jordanien, Syrien, dem Libanon, dem Irak und Saudi-Arabien gehören. Dass dies politischer Sprengstoff ist, der die gesamte Region in eine Katastrophe stürzen kann, versteht sich von selbst.

Religiöse Verblendung richtet nicht bloß im Iran großen Schaden an, sondern auch in Israel. Religiöse Verblendung hat schon von jeher und überall großen Schaden angerichtet. Sie gibt einen Weg vor, der bislang noch immer zu großen Katastrophen geführt hat. Israel ist da bestimmt keine Ausnahme. Was mich allerdings nach wie vor wundert: Ist die Mehrheit der Israelis nicht selbst darüber entsetzt, was aus ihrem Land geworden ist? Ein Staat, der zum Paria der Weltgemeinschaft mutiert, weil er Methoden anwendet, die man bislang bloß von den Gegnern der Humanität gewohnt war. Und vor lauter Selbstgerechtigkeit sieht die israelische Regierung das noch nicht einmal ein, wenn man ihr den Spiegel vors Gesicht hält. Kritiker Israels werden entweder als Terrorunterstützer oder Antisemiten diffamiert. Dieser Wahnsinn wird kein gutes Ende nehmen.

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[1] RND vom 22.08.2025
[2] tagesschau.de vom 22.08.2025
[3] Guardian vom 21.08.2025
[4] Lutherbibel 2017, 1.Mose 15,18