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10. Januar 2026, von Michael Schöfer
Muss es ausgerechnet der Sohn des Schahs sein?

Völker sollten in freien Wahlen selbst darüber entscheiden können, wie und durch wen sie regiert werden. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn es in Venezuela bald eine Demokratie gäbe, in der die Menschenrechte garantiert sind. Aber nach meinem Eindruck wird die venezolanische Opposition schnell merken, dass Donald Trump eher profitable Geschäfte im Sinn hat. Freie Wahlen und das Selbstbestimmungsrecht der Venezolaner haben bei ihm anscheinend keine Priorität. Angesprochen darauf sagte er nämlich gegenüber NBC News: "Nein, das wird eine gewisse Zeit brauchen. Wir müssen das Land wieder aufpäppeln." [1] Was immer er unter "aufpäppeln" konkret verstehen mag. Vermutlich keine durch künftige Öleinnahmen realisierbare breite Verteilung des Wohlstands. Die Freude der venezolanischen Opposition über die Entführung von Nicolás Maduro könnte also verfrüht sein, zumal die Chavisten nach wie vor an der Macht sind.

Ereignet sich jetzt im Iran das Gleiche? "Im Iran wächst der Druck auf das Regime - und es werden die Rufe nach dem Schah-Sohn Reza II. lauter. (…) Der Sohn des 1979 gestürzten Reza Pahlavi, Reza II., bietet sich von seinem Exil in den USA aus aktiv an, stellt der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze, zuletzt an der Uni Bern, im ARD-Interview fest: 'Reza II. versucht als 'Kronprinz', wie er sich jetzt immer mehr zu titulieren gedenkt, und als 'Vater der Iraner', wie er sich selbst sieht, so eine Art von Übergröße aufzubauen, mit der er dann das Land als Nation zusammenfassen kann.' Unter diesem Überbau, so Schulze, könnte sich dann eine neue iranische Ordnung herausbilden." [2] Donald Trump hat dem Iran bereits "mit einem Eingreifen der USA gedroht, falls das Regime in Teheran weiterhin gewaltsam gegen regierungsfeindliche Proteste vorgeht. Sollte das Regime Demonstrierende erschießen oder töten, würden die USA ihnen zur Hilfe eilen, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social." [3]

Wenn das menschenverachtende Regime der Mullahs im Orkus der Geschichte verschwände, wäre das endlich mal wieder eine gute Nachricht. Für die Region und darüber hinaus. Doch wenn das Ganze auf eine Renaissance der Schah-Herrschaft hinausliefe, sind entsprechende Zweifel nur allzu berechtigt. Es gab schließlich gute Gründe für den Sturz seines Vaters Mohammad Reza Pahlavi, den damals auch die säkularen Kräfte im Iran anstrebten. Bitte nicht vergessen: Der Schah war ein brutaler Diktator, der die Menschenrechte mit Füßen trat, Oppositionelle wurden seinerzeit durch den berühmt-berüchtigten Geheimdienst SAVAK systematisch gefoltert. Die Säkularen konnten sich dann jedoch nach der Revolution nicht gegen die religiösen Fanatiker durchsetzen.

1953 organisierten die CIA und der MI6 einen Putsch gegen den verfassungsgemäß vom Parlament gewählten iranischen Premierminister Mohammad Mossadegh, der die zuvor per Gesetz beschlossene Verstaatlichung der Ölindustrie umsetzte und damit westliche Interessen tangierte (Operation Ajax). Anschließend setzt man den schon ins Ausland geflüchteten Mohammad Reza Pahlavi wieder auf den Thron. Ein kapitaler Fehler, wie sich im Nachhinein herausstellte, der am Ende zur Herrschaft der Mullahs führte. Wie in Venezuela spielten im Iran die ökonomischen Interessen der USA die Hauptrolle (Erdöl), nach Mossadeghs Sturz handelten die Ölkonzerne Standard Oil, AIOC und Royal Dutch Shell neue Verträge aus, das Selbstbestimmungsrecht des iranischen Volkes war bedeutungslos. Ja, es war sogar unerwünscht, weil es den westlichen Profitinteressen zuwiderlief.

Völker müssen in freien Wahlen selbst darüber entscheiden, wie und durch wen sie regiert werden. Falls die Iraner tatsächlich abermals einen Schah zurückhaben wollen, muss man das akzeptieren. Aber die Willensbildung sollte frei von äußeren Einflüssen ablaufen, keinesfalls dürfen dabei die ökonomischen Interessen des Westens ausschlaggebend sein. Dem Volk etwas zu oktroyieren, geht bestimmt schief. Demokratie kann nur gedeihen, wenn der Wille des Volkes umgesetzt wird - und der ist nicht immer mit dem der Konzernzentralen in New York oder London identisch. Der Westen darf nicht erneut den gleichen Fehler begehen. Gewiss, das ist Wunschdenken, denn ob Donald Trump solche Prinzipien beherzigt, kann man bezweifeln.

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[1] New York Times vom 06.01.2026
[2] tagesschau.de vom 10.01.2026
[3] Die Zeit-online vom 02.01.2026