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17. Januar 2026, von Michael Schöfer
Europa hat jetzt die Wahl zwischen Chamberlain und Churchill


Dieses Hollywood-Drama hat große Chancen, bei der Oscar-Verleihung ordentlich abzuräumen. Seit "Einer flog übers Kuckucksnest" nicht mehr so realistisch anmutende Szenen einer Irrenanstalt gesehen. Famose schauspielerische Leistung. Wie bitte? Das ist das ist echt, das ist die Realität? US-Präsident Donald Trump hat NATO-Verbündeten wirklich Strafzölle angedroht, weil sie den NATO-Verbündeten Dänemark unterstützen? Sehen wir uns an, wie Trump darüber denkt: "Dänemark, Norwegen, Schweden, Frankreich, Deutschland, das Vereinigte Königreich, die Niederlande und Finnland [sind] aus unbekannten Gründen nach Grönland gereist. Dies ist eine sehr gefährliche Situation für die Sicherheit und das Überleben unseres Planeten. Diese Länder, die dieses sehr gefährliche Spiel spielen, haben ein Risiko in Kauf genommen, das weder tragbar noch nachhaltig ist." NATO-Verbündete spielen ein gefährliches Spiel, weil ein paar Dutzend Soldaten eine Übung mit dem NATO-Partner Dänemark auf dem NATO-Territorium Grönland durchführen? Kneifen Sie mich bitte mal. Gegen Donald Trump ist Jack Nicholson wahrlich ein Stümper. And the Oscar goes to...

Trump will Grönland also tatsächlich haben und handelt nach der berühmt-berüchtigten Mafia-Methode: "Ich werde ihm ein Angebot machen, das er nicht ablehnen kann." Strafzölle. 10 Prozent, 25 Prozent, wer bietet mehr? Was ich bereits Anfang 2025 prophezeite, bewahrheitet sich offenbar: Donald Trump könnte als US-Präsident in die Geschichtsbücher eingehen, der alles leichtfertig verspielte. Geht es in diesem Tempo so weiter, werden die USA am Ende seiner Amtszeit ohne Verbündete dastehen, Trump wäre dann in der Tat "the biggest loser of all time". Er fährt nicht nur die USA an die Wand, sondern gleich die ganze NATO. Und er hat für sein Zerstörungswerk noch drei quälend lange Jahre Zeit. Wie konnten die amerikanischen Wähler bloß so dumm sein? Wobei, wenn ich mir die hiesige AfD ansehe, da werden viele nach den Wahlen buchstäblich ihr blaues Wunder erleben.

War da
was in Schottland? Genau! Ursula von der Leyen hat mit Donald Trump im Juli 2025 ein Handelsabkommen vereinbart, das von vielen als Unterwerfung Europas interpretiert wurde. Wie peinlich: Für die EU sollte ein Basiszoll in Höhe von 15 Prozent gelten, für die USA jedoch null Prozent. Dazu Investitionszusagen in Höhe von 600 Mrd. US-Dollar und Energieimporte in Höhe von 750 Mrd. US-Dollar seitens der Europäer. Gegenleistung der USA: Ein verächtliches Grinsen. Hierzulande wurde uns das Ganze auch noch als "Kompromiss" verkauft. Doch selbst der gilt nun nicht mehr, Donald Trump erwies sich wie vielfach vorhergesagt als notorisch unzuverlässig. Absprachen gelten bei ihm nur bedingt, sein nächster impulsiver Schub wirft alles über den Haufen. Er sagte es ja vor kurzem ganz offen in einem Interview mit der New York Times: Nur seine eigene Moral und sein eigener Verstand können ihn aufhalten. Pacta sunt servanda? Mein Gott, Trump kann nicht einmal richtig Englisch! Von Latein also ganz zu schweigen. Bittere Erkenntnis: Mit einer solchen Knallcharge kann es keine Abkommen geben. Alles andere ist naives Wunschdenken.

Haben die Europäer nun endlich Mut zum Widerstand oder betreiben sie weiterhin konsequent Selbstverzwergung und bauen auf nachweislich erfolgloses Appeasement? Gewiss, es kommen schwere Zeiten auf uns zu, aber das passiert so oder so. Der Kelch geht nicht an uns vorüber, so sehr wir uns das auch erhoffen. Die politischen und ökonomischen Folgen werden zweifelsohne massiv sein, aber wir Europäer müssen uns jetzt zusammenraufen und das Verhältnis zu den irrational agierenden USA neu austarieren. Haltlose Illusionen sind da bloß hinderlich. Entweder wir raufen uns endlich zusammen - politisch, ökonomisch, militärisch - oder wir gehen unter und werden zwischen den übelwollenden Großmächten zerrieben. Wann, wenn nicht jetzt?

Natürlich sollten wir trotzdem besonnen reagieren. Aber das heißt nicht, aus Angst vor dem Tod den Selbstmord wählen. Notwendig wäre eine Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede, und wir müssten daraus auch die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Aber bitte keine Tricks, um eine weitere Runde der Umverteilung von unten nach oben einzuläuten, sondern die Partikularinteressen im Interesse des Ganzen wirklich einmal zurückstellen. Wenn ich mir Friedrich Merz ansehe, fürchte ich allerdings... Winston Churchill hatte den Mut, den Briten in ihrer dunkelsten Stunde reinen Wein einzuschenken und nichts zu beschönigen. Das mag überzogen klingen, doch das geopolitische tektonische Beben, das wir gerade erleben, wird die Welt vielleicht genauso tiefgreifend verändern, wie es der Zweite Weltkrieg getan hat. Wenn ich zwischen Chamberlain und Churchill wählen müsste, stünde meine Entscheidung jedenfalls fest.