
| Home
| Archiv | Impressum 10. Februar 2026, von Michael Schöfer Wirklich ein Erdrutschsieg? Die japanische Premierministerin Sanae Takaichi habe bei der Unterhauswahl in Japan einen Erdrutschsieg eingefahren, lesen wir in den Medien. Was die Mehrheit der Sitze des Abgeordnetenhauses angeht stimmt das sogar. Was dabei allerdings kaum erwähnt wird, ist das recht ungewöhnliche japanische Grabenwahlsystem, das große Parteien stark bevorteilt. Interessant ist das Ganze für uns Deutsche, weil die Union im Rahmen der letzten Wahlrechtsreform ein ähnliches Modell vorgeschlagen hat: "Von 598 Bundestagssitzen (...) sollten nur noch 299 Mandate gemäß den Zweitstimmenanteilen zwischen den Parteien aufgeteilt werden. Die anderen 299 Sitze sollten unabhängig davon nach dem Mehrheitswahlrecht an die Gewinner der Direktmandate gehen." [1] Bei der Wahlrechtskommission des Deutschen Bundestages bezeichnete der Obmann von CDU/CSU, Ansgar Heveling, das Grabenwahlsystem "ein 'mutiges Wagnis', bei dem sich nicht vorausberechnen lasse, was passiert." [2] Die Union konnte sich damit bloß nicht durchsetzen. Die anderen Parteien warfen ihr vor, sie würde dieses Wahlsystem nur deshalb fordern, weil sie davon am meisten profitiert. Der Vorwurf ist nicht von der Hand zu weisen, denn hätte das Grabenwahlsystem bei Bundestagswahl 2025 gegolten, wäre das Ergebnis wie folgt ausgefallen [3]:
Beim Grabenwahlsystem werden die Wahlkreismandate nicht mit den Zweitstimmenmandaten verrechnet, beide stehen gleichberechtigt nebeneinander und bilden gemeinsam die Zusammensetzung des Parlaments. Zur Erinnerung: Derzeit richtet sich die Sitzverteilung des Deutschen Bundestages allein nach dem Zweitstimmenergebnis (= Verhältniswahl). CDU und CSU wären beim Grabenwahlsystem recht nah an die absolute Mehrheit herangekommen und könnten mit der SPD oder den Grünen koalieren. Im aktuellen Bundestag können sie das - Achtung Brandmauer - ohne AfD und Linke nur mit der SPD, mit den Grünen wäre höchstens eine Minderheitsregierung möglich. Alle
anderen Parteien hätten weniger Mandate, nur die Union hätte
mehr. Bei einem etwas besseren Wahlergebnis wäre für die Union
beim Grabenwahlsystem sogar die absolute Mehrheit drin
gewesen. Es bevorteilt nämlich Parteien, die in den
Wahlkreisen oft gewinnen. Und umgekehrt, schwächere Parteien
sind benachteiligt. Beispiel: Die Linke gewann 2025 lediglich
2 Prozent der Wahlkreise (6 von 299), holte aber 8,8 Prozent
der Zweitstimmen - beim Grabenwahlsystem würde sie nahezu die
Hälfte ihrer Mandate einbüßen (nur noch 37 anstatt 64). Wo
bliebe da der Wählerwille?
Das japanische Grabenwahlsystem weicht vom o.g. Vorschlag der Unionsparteien ab, dort werden 289 Mitglieder des Abgeordnetenhauses direkt über die Wahlkreise gewählt (= 62 % der Unterhaussitze), hinzu kommen weitere 176 Mitglieder entsprechend dem Proporz (= 38 % der Unterhaussitze), insgesamt sind es 465 Abgeordnete. [4] Das relativiert den Erdrutschsieg der Liberaldemokratischen Partei (LDP) von Premierministerin Sanae Takaichi gehörig. Zumindest, wenn man genau hinsieht. Der LDP gelang es, mit bescheidenen 36,7 Prozent des landesweit nach dem Proporz ermittelten Wahlergebnisses eine bequeme parlamentarische Zwei-Drittel-Mehrheit zu erringen (68 % der Unterhaussitze). Entscheidend war, dass die LDP in 249 von 289 Wahlreisen siegte. [5] Alle anderen Parteien sammelten zwar 63,3 Prozent der landesweiten Proporz-Stimmen, kamen aber nur auf 149 Abgeordnetenmandate (32 % der Unterhaussitze). Ein krasses Missverhältnis. Wenig verwunderlich, dass die Liberaldemokratische Partei seit 1955 fast ununterbrochen das Land regierte. Hätten wir das gleiche Wahlsystem wie in Japan, müsste sich die Union wenig Sorgen um Bundestagswahlen machen. ![]()
[Quelle: Wikipedia]
Das Grabenwahlsystem ist nicht repräsentativ und spiegelt daher nicht den Wählerwillen wider. Wenn sich die Sitzverteilung stark an der Mehrheitswahl in den Wahlkreisen orientiert, kann eine Partei mit der Minderheit der Wählerstimmen trotzdem oft die Mehrheit der Parlamentsmandate erringen. Das Volk bekommt auf diese Weise nicht selten eine Regierung, die es mehrheitlich ablehnt. Das ist nur eingeschränkt demokratisch. ----------
[1]
tagesschau.de vom 27.12.2019
[2]
Deutscher Bundestag vom 02.06.2022,
Grabenwahlsystem als Alternative zum Ampelmodell
erörtert
[3]
Die Bundeswahlleiterin, Wahl zum 21.
Deutschen Bundestag am 23. Februar 2025, Heft 3, Endgültige
Ergebnisse nach Wahlkreisen, Seite 408f, PDF-Datei mit 2,7
MB und Die Bundeswahlleiterin, Bundestagswahl
2025, Ergebnistabelle; Berechnung der
Zweitstimmensitzverteilung nach dem Sitzzuteilungsrechner von Michael
Honikel, Auszählverfahren Sainte-Laguë/Schepers,
Beibehaltung der Sperrklausel, Sonderregelung SSW blieb
unberücksichtigt
[4]
Wikipedia, Wahlen in Japan
[5] Wikipedia, Shūgiin-Wahl 2026
|