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| Archiv | Impressum 09. März 2026, von Michael Schöfer Die Berliner CDU-Blase CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann ist ein Vertreter der Berliner Blase par excellence. Schon seine Mimik vermittelt den Eindruck, als würde er seine eigene Gesundbeterei selbst nicht glauben. Das Interview des SWR zum Wahlergebnis in Baden-Württemberg war hierfür das beste Beispiel: Die CDU habe aus Berlin "erheblichen Rückenwind gegeben", versuchte er den Zuschauern weiszumachen. Nachfrage: "Es gab auch Enttäuschungen über mangelnde Reformen, hat Berlin hier gar keinen Anteil? Linnemanns Antwort: "Nein, also das muss ich wirklich zurückweisen." [1] Die in der Berliner CDU-Blase sind entweder notorische Schönfärber oder haben tatsächlich den Kontakt zur Realität verloren. Bei einer Umfrage zur Landtagswahl sagten 78 Prozent der Befragten, dass die CDU "vor der Bundestagswahl viel versprochen, aber wenig gehalten hat". 71 Prozent waren der Ansicht, dass sie "in der Bundesregierung zu wenig für die Senkung von Steuern und Abgaben getan hat" und 60 Prozent, dass sie "die Interessen der Arbeitnehmer vernachlässigt". 54 Prozent sind "entsetzt, dass die CDU im Bund so viele Schulden aufgenommen hat". [2] Rückenwind? Nur in der Pippi-Langstrumpf-Welt von Carsten Linnemann: Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt. Nun muss halt ein CDU-Generalsekretär öfter etwas sagen, das ihm niemand abnimmt, was aber zu seiner Jobbeschreibung gehört. Doch Carsten Linnemann macht das im Vergleich zu seinen Vorgängern dermaßen schlecht, dass es fast allen auffällt. Er könnte sich am Beispiel SPD ansehen, wohin das führt. Wie gehabt sind wieder die anderen schuld an der Wahlniederlage. "Aus Sicht von Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) sind die Grünen in Baden-Württemberg nicht aufgrund grüner Politik gewählt worden. Sie hätten ihr Parteilogo im Wahlkampf 'kontinuierlich versteckt'." [3] Aha, es lag also am versteckten Parteilogo. Ob es viele Wählerinnen und Wähler gab, die nicht wussten, zu welcher Partei Özdemir gehört, wage ich allerdings zu bezweifeln. Das sind schon dummdreiste Schuldzuweisungen, um die eigene Partei reinzuwaschen. Aber es kommt noch besser, Jens Spahn will tricksen und schlägt eine Teilung der Amtszeit des Ministerpräsidenten vor. Wir erinnern uns: Als die Union 2021 bei der Bundestagswahl weniger Stimmen und weniger Mandate bekam als die SPD, stellte der damalige Kanzlerkandidat Armin Laschet trotzdem den Anspruch, die nächste Bundesregierung anzuführen. "Laschet bestreitet klaren Regierungsauftrag für SPD", nahm man erstaunt zur Kenntnis. [4] Laschet warb für ein Bündnis aus Union, Grünen und FDP (Jamaika-Koalition) unter seiner Kanzlerschaft. Jetzt
scheint die CDU den Führungsanspruch Cem Özdemirs infrage zu
stellen. Doch 1.623.156 Stimmen (30,2 %) gegen 1.595.844
Stimmen (29,7 %) sind zwar knapp, aber dennoch ein gewichtiges
Argument pro Özdemir. Gleiche Fraktionsgröße hin oder her.
Wäre es umgekehrt, würde die CDU vehement auf ihren
Führungsanspruch pochen und nie und nimmer für eine Teilung
der Amtszeit plädieren. Falls die Landtagswahl in
Rheinland-Pfalz am 22. März ähnlich knapp ausgeht wie die in
Baden-Württemberg warte ich gespannt auf die Argumente aus
Berlin. Es werden, egal wie das Ergebnis sein mag, für die CDU
gewiss die passenden sein. Die CDU ist hoffentlich so klug,
kein politisches Chaos auszulösen, indem sie Cem Özdemir bei
der Wahl zum Ministerpräsidenten durchfallen lässt. Oder noch
schlimmer: Ihr Wort bricht und eine wie auch immer geartete
Absprache mit der AfD vereinbart.
Das sind die üblichen Spielchen in der CDU-Blase, die jedoch außerhalb auf wenig Verständnis stoßen. Aber man kann es ja mal probieren. Ob es die Wählerinnen und Wähler gutheißen, steht indes auf einem anderen Blatt. ----------
[1]
tagesschau.de vom 08.03.2026
[2]
tagesschau.de vom 09.03.2026, Umfragen
zur CDU
[3]
tagesschau.de vom 08.03.2026
[4] ntv vom 27.09.2021
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