
| Home
| Archiv
| Impressum 16. Oktober 2026, von Michael Schöfer Bitte mehr Butter bei die Fische! Früher gab es in Zeitungen die ebenso sinnvolle wie segensreiche Trennung zwischen Kommentar und Nachricht, die Grenzen scheinen sich jedoch bei der Süddeutschen zunehmend zu verwischen. In einer Serie von Artikeln wird den Berliner Linken Antisemitismus vorgeworfen, das jüngste Produkt dieser Reihe war der Artikel "Diese Linken-Politikerin erregt die Gemüter - und will noch hoch hinaus". [1] Es geht darin um die 27-jährige Martha Kleedörfer. Wohlgemerkt: Ein Artikel, kein Kommentar. Eingangs stellt die Autorin Meredith Haaf die Frage: "Befeuern Teile der Partei antisemitische Ressentiments?" Um sogleich zu Kleedörfer überzuleiten: "Ihr Name fällt zuverlässig immer dann, wenn es um die Streitthemen Palästina-Bewegung und Israel geht und darum, ob Teile der Linken hier in ihrem Aktivismus antisemitische und antiisraelische Ressentiments befeuern." Aber der Leser, der gespannt auf Belege für Kleedörfers Antisemitismus wartet, wird enttäuscht. Außer Geraune bietet der Artikel nichts. Kein einziges Zitat, das den harschen Vorwurf mit Tatsachen untermauert. "Palästinasolidarität ist Teil der Linken", sagt Kleedörfer. Das war's dann auch schon. Ist Palästinasolidarität neuerdings per se antisemitisch? Palästinasolidarität kann antisemitisch sein, muss es aber nicht, es kommt vielmehr auf die Details an. Doch genau die bleibt Meredith Haaf schuldig. Informationen sind "mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben", schreibt der Pressekodex vor. Die journalistische Sorgfalt blieb bei diesem Artikel allerdings außen vor. Stattdessen wird ohne jede Distanzierung ein ekelhaftes Zitat des Bild-Kolumnisten Harald Martenstein wiedergegeben. "Palästinasolidarität biete wohl 'die Chance, eine verbotene Leidenschaft' für arabische 'Macho'-Männer 'politisch korrekt auszuleben'." SZ-Redakteur Ronen Steinke, einer der wenigen verbliebenen Lichtblicke der Süddeutschen, kritisierte das auf seinem Instagram-Account heftig: "Palästinasolidarische Frauen auf ihre Libido bzw. Hormone zu reduzieren, wie es Harald Martenstein in seiner Bild-Kolumne über die Linke-Politikerin (…) getan hat, ist der Inbegriff von dumpfem Altherrensexismus." Haaf dagegen scheint sich am dumpfen Altherrensexismus nicht zu stören. Bemerkenswert. Die Zeitungsleser dürfen spekulieren, warum das Zitat für den Artikel überhaupt relevant ist. Stimmungsmache? Who knows? Das ist einer Zeitung, die von sich selbst behauptet, eine überregionale Qualitätstageszeitung zu sein, unwürdig. In dem Artikel werden journalistische Standards verletzt. In der Präambel des Pressekodex heißt es: "Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse." Zur Achtung vor der Wahrheit gehört es, Behauptungen auch zu belegen, was zumindest im vorliegenden Fall nicht geschehen ist. Und achtet die Süddeutsche die Menschenwürde, wenn sie eine sexistische Äußerung der Bild-Zeitung ohne jede Einordnung oder Notwendigkeit zitiert? In meinen Augen nicht. Wenn es Antisemitismus bei den Berliner Linken gibt, dann bitte mehr Butter bei die Fische. So etwas ohne jeden Beleg zu behaupten, ist unseriös. Meredith Haaf mag das Wahlergebnis der Abgeordnetenhauswahl und die sich anbahnende rot-grün-rote Koalition missfallen, aber es gehört nicht zur Aufgabe von Journalisten, Kampagnen gegen daran beteiligte Parteien oder Personen zu befeuern. ---------- [1] Süddeutsche vom 15.10.2026 (Paywall) |