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01. Mai 2004, von Michael Schöfer
Umbenennung des Reiß-Museums ist eine schlimme Verhöhnung


Reichtum allein genügt nicht. Nein, man muß sich außerdem auch noch rühmen lassen. Und dabei Titel sammeln, beispielsweise "Ehrensenator der Universität Heidelberg". Das schmeichelt dem Ego. Um solche Auszeichnungen verliehen zu bekommen, legt man sich am besten ein Image als großzügiger Förderer von Wissenschaft und Kultur zu. Klassisches Mäzenatentum eben. Da man dennoch von den Zeitgenossen relativ schnell vergessen wird, will man natürlich irgendwo seinen Namen verewigt wissen. Curt Engelhorn, ehemals Chef von Boehringer Mannheim, hat es geschafft. Das Mannheimer Reiß-Museum trägt jetzt seinen Namen. Reiß-Engelhorn-Museum heißt es künftig. Billig ist so ein Stück Unvergänglichkeit nicht, im vorliegenden Fall kostete es stattliche 20 Mio. Euro. Diesen Betrag stiftete er nämlich dem Reiß-Museum. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Curt Engelhorn kann es sich leisten, denn er ist sagenhaft reich. So reich, daß man seinen Reichtum, wie in den meisten dieser Fälle, nur schätzen kann. Auf 4,5 Milliarden Euro wird sein Gesamtvermögen taxiert. [1] Immerhin Platz 69 auf der Liste der reichsten Menschen der Erde. [2] Der breiten Masse bekannt geworden ist Curt Engelhorn indes mit einem anrüchigen Deal. 1997 verkaufte er das im Familienbesitz befindliche Unternehmen Boehringer Mannheim für 19 Mrd. DM an den Schweizer Pharma-Riesen Hoffmann-La Roche. Der Clou dabei: Nicht eine müde Mark davon wanderte an den deutschen Fiskus. Völlig legal, versteht sich. Der gute Herr Engelhorn hatte seinen Wohnsitz klugerweise beizeiten ins Ausland verlegt, und da die Firma einer eigens hierfür ins Leben gerufenen Holding auf den Bermudas gehörte (eines der berühmt-berüchtigten Steuerparadiese), ging das Finanzamt völlig leer aus.

"Unsittlich", entrüstete sich nicht nur Sozialdemokrat Henning Voscherau und rief im Bundesrat dazu auf, alle steuerrechtlichen Möglichkeiten gegen die Familie auszuschöpfen. Das Dumme nur - es gab keine. (...) "Herr Waigel wird sich ärgern", feixte Engelhorn über die Machtlosigkeit des damaligen deutschen Finanzministers." [3] Hätte er den Verkauf von Boehringer Mannheim in Deutschland versteuert, wären wohl etliche Milliarden in die Staatskasse geflossen. Aber so... Nix war's. Auf dieser Grundlage kann man sich Großzügigkeit natürlich erlauben, etwa die Schenkung eines repräsentativen Wohnhauses, inklusive eines mehr als 10.000 Quadratmeter großen Grundstücks, an die Universität Heidelberg. [4] Oder eine Spende in Höhe von 2,9 Mio. Mark an das Deutsche Museum in München. [5]

Muß man diesem Herrn, dem "herausragenden Förderer, Freund und Mäzen", dafür wirklich dankbar sein? Hätte man den großen Gönner - unter Verzicht auf seine milde Gabe - nicht vielmehr daran erinnern müssen, daß er hier nur einen kleinen Bruchteil des seinerzeit geschickt am Finanzamt vorbeimanövrierten Geldes wieder herausrückt und dafür unverschämterweise auch noch kräftig Lorbeeren einheimsen möchte? Was soll man denn dem Durchschnittsverdiener sagen, der mit seiner Steuerlast die Universitäten unterhält, auf die der feixende Steuervermeider seine fünf Kinder geschickt hat? Es muß mehr für Bildung und Forschung getan werden, forderten kürzlich die Unternehmerverbände. Recht haben sie. Da hätten sie dem Herrn Engelhorn halt mal die Rechnung präsentieren sollen. Aber offenbar gilt diese Aufforderung nur für Normalsterbliche, die sich keinen Museumsnamen kaufen können.

Die Umbenennung des Reiß-Museums ist deshalb in meinen Augen eine schlimme Verhöhnung der Mannheimer Bürgerschaft. Wer sich der Finanzierung des Gemeinwesens trickreich verweigert, sollte für sein Verhalten nicht auch noch geehrt werden. Über "Florida-Rolf", einen in Florida lebenden deutschen Sozialhilfeempfänger, echauffiert sich die ganze Nation. In so einem Fall werden sogar kurzfristig die Gesetze geändert, die derartiges in Zukunft unterbinden. Demgegenüber preist man Curt Engelhorn als noble Persönlichkeit und charakterisiert ihn bewundernd als Kosmopolit. Für die Austrocknung der Steueroasen, die das Verhalten dieses Weltbürgers erst ermöglicht haben, rührt man dagegen keinen Finger. Das ist der eigentliche Skandal: Gegen die Kleinen schürt man Kampagnen, die Großen werden noch bekränzt. Die Wertmaßstäbe sind bei uns in der Tat längst aus dem Ruder gelaufen.

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[1] brainstorms42.de, Der Showdown im Steuerparadies
[2] Wikipedia, Liste von Milliardären
[3] manager-magazin vom 16.03.2004
[4] Informationsdienst Wissenschaft vom 27.06.2000
[5] Deutsches Museum vom 03.05.2000