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14. Mai 2005, von Michael Schöfer
Götterdämmerung


Augusto Pinochet ist ein Verbrecher, dem würden die meisten, von der chilenischen Rechten und Maggie Thatcher einmal abgesehen, wohl fraglos zustimmen. Li Peng, der Verantwortliche für das Massaker auf dem "Platz des Himmlischen Friedens", ist um keinen Deut besser. Saddam Hussein ebensowenig. Die Geschichte der Menschheit ist reich an brutalen Diktatoren. All ihre Namen zu nennen, würde den hier zur Verfügung stehenden Raum bei weitem sprengen und obendrein den geneigten Leser vermutlich ziemlich langweilen. Doch im jeweiligen Lager (rechts, links) werden nach wie vor sorgsam gepflegte Mythen aufrecht erhalten, die sich allerdings bei näherer Betrachtung als reine Zweckpropaganda entpuppen bzw. lediglich den Realitätsverlust ihrer Apologeten dokumentieren.

Hitler und Stalin, um die wahrscheinlich größten Verbrecher der Menschheit in einem Atemzug zu nennen, sind bereits seit Jahrzehnten entzaubert. Und von Fidel Castro ist der Lack ebenfalls seit langem abgeblättert. Wer Menschen, die Schriften gegen die Regierung veröffentlichen oder Unterschriften für die Meinungsfreiheit sammeln, jahrzehntelang ins Gefängnis werfen läßt [1], ist nichts anderes als ein erbarmungsloser Tyrann. Daß der vermeintlich (!) linke Castro im Jahr 1959 einen rechten Tyrannen, Fulgencio Batista, den Schoßhund Washingtons, gestürzt hat und seitdem eisern allen US-amerikanischen Pressionen widersteht, mag ihm in linken Kreisen einen Bonus verschaffen. Doch weder das für lateinamerikanische Verhältnisse vorbildliche Gesundheitssystem Kubas noch die Wirtschaftssanktionen der USA können derartige Handlungen jemals rechtfertigen. Verbrechen gegen die Menschlichkeit, und um solche handelt es sich hierbei zweifelsfrei, sind unentschuldbar, gleichgültig von wem sie verübt werden. Einerlei ob von rechts oder von links.

Aber mittlerweile trifft es auch bislang sakrosankte Personen der Zeitgeschichte, denen man bis dato nur Gutes zugetraut hat. Salvador Allende, von 1970 bis 1973 sozialistischer Präsident Chiles, ist so ein Beispiel. Wie jetzt durch das Buch des Autors Victor Farias (Salvador Allende - Antisemitismus und Euthanasie) bekannt wurde, hat Allende in seiner im Jahr 1993 bei der Universidad de Chile eingereichten Dissertation antisemitische Thesen vertreten. Zunächst stellte Allende darin einen engen Zusammenhang zwischen Geisteskrankheiten und Verbrechen her. Darüber hinaus sei die Rasse als eine der natürlichen Ursachen für Delinquenz (Straffälligkeit) anzusehen. "In diesem Zusammenhang attestiert Allende Juden "eine genetisch determinierte Veranlagung für verschiedene Typen von Verbrechen. Die Hebräer lassen sich durch bestimmte Delinquenzformen charakterisieren: Betrug, Unehrlichkeit, Verleumdung und vor allem Wucher" [2]. Farias zufolge sind das freilich keine Jugendsünden Allendes. In seinem ersten Ministeramt als Gesundheitsminister (1939 bis 1942) setzte er nämlich eine Kommission ein, die einen Gesetzentwurf für die Zwangssterilisierung von Geisteskranken ausarbeiten sollte.

Salvador Allende hat sich demzufolge in seiner Dissertation zur nationalsozialistischen Rassentheorie bekannt, wonach das Judentum eine biologische Rasse und keine Religionsgemeinschaft sei. Das ist extrem unwissenschaftlich, wie wir wissen. Genauso hanebüchen wäre es, von einer evangelischen oder katholischen Rasse zu sprechen. Außerdem übernahm er von den Nazis die den Juden zugesprochenen negativen Charaktereigenschaften. Eine faustdicke Propagandalüge, die in Deutschland direkt in den Holocaust mündete. Schließlich überschritt er als Gesundheitsminister den Rubikon von der Theorie zur Praxis.

Welches Fazit soll man daraus ziehen? Wahrscheinlich dieses: Es gibt keine Götter. Man muß die Menschen sehen, wie sie sind, darf sie nicht glorifizieren. Entscheidend sind allein die Fakten. Jeder Mensch hat Fehler und dunkle Flecken in seiner Biographie. Wer ohne Sünde sei, werfe den ersten Stein. Doch wenn man aus ideologischer Verblendung heraus Schutzzonen um Personen herum errichtet, versündigt man sich an der Wahrheit. Von da ab ist es nicht mehr weit, Handlungen zu rechtfertigen, die man objektiv nie gebilligt hätte.

Eine differenzierte Betrachtungsweise ist hierbei jedoch unumgänglich. Durch Allendes Dissertation wird sein Versuch, ein demokratisch-sozialistisches Chile zu schaffen, ja nicht entwertet. Und schon gar nicht wird dadurch nachträglich der Putsch Pinochets gerechtfertigt. Die Revolution gegen Batista bleibt notwendig und richtig, was allerdings die darauffolgenden Untaten Castros keinesfalls entschuldigt. Mag sein, daß dadurch etliche linke Helden entzaubert werden. So what? Entscheidend ist die Sache, nicht die Person. Entscheidend ist das, was ist. Nicht das, was wir gerne hätten.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 03.04.2003
[2] Frankfurter Rundschau vom 14.05.2005


Nachtrag (10.06.2005):
Wird Allende diffamiert? Hat Victor Farias gelogen? Inzwischen sind Zweifel an der Integrität des Autors aufgetaucht. Ob er seine Behauptungen über Salvador Allendes Antisemitismus wird belegen können, ist fraglich geworden. Man wirft Farias nämlich vor, er habe in seinem Buch judenfeindliche Zitate des italienischen Kriminologen Cesare Lombroso (1835-1909) fälschlicherweise als Zitate von Allende ausgegeben, mit denen sich dieser in seiner Dissertation lediglich auseinandergesetzt haben soll. Auch andere Darstellungen des Wirkens Allendes würden nicht den tatsächlichen Begebenheiten entsprechen. Die Dissertation Allendes ist mittlerweile im Internet nachzulesen. Natürlich auf Spanisch, was hierzulande wohl nur die wenigsten gut genug beherrschen dürften, um die Widersprüche selbst aufzuklären. Deshalb müssen wir wohl noch eine Weile abwarten, bis sich die Sache endgültig aufgeklärt hat. Über mögliche Ergebnisse werde ich berichten.