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20. Juni 2005, von Michael Schöfer
Old Schwurhand - eine Provinzposse aus "Monnem"


Ach, das Internet ist ein ideales Werkzeug. Vor allem, wenn man Böses im Schilde führt. Man ist dort nämlich völlig anonym. Zumindest scheint diese Meinung weit verbreitet zu sein. Endlich kann man ungestraft über Gott und die Welt herziehen, etwa den allseits gefürchteten Chef ohne jede Angst als "üblen Kotzbrocken" bezeichnen. Geht ganz easy. Ein PC, ein Internet-Zugang und ein geeignetes Forum - schon kann's losgehen. Hier präsentiert man dann der Welt seine ungeschminkte Meinung. Oder seine charakterliche Unzulänglichkeit. Je nach Standpunkt des Betrachters. Eine Medaille hat eben stets zwei Seiten. Den Usern ist das jedoch in der Regel völlig schnuppe. Was kann schon passieren?

In meiner Heimatstadt gibt es bedauerlicherweise nur eine einzige Lokalzeitung, die hier demzufolge das Monopol besitzt: den Mannheimer Morgen. [1] Leider sind im Internet die Artikel des MM ohne das Paßwort der Printausgabe gesperrt. Die Phase, in der das "world wide web" ein "kost nix" war, ist in der Kurpfalz längst vorbei. Freigebigkeit, wie sie etwa beim Online-Auftritt der überregionalen Frankfurter Rundschau nach wie vor anzutreffen ist, kann man sich in der Provinz halt nicht leisten. Zum Ausgleich gibt es auf der Website des Mannheimer Morgen ein Leserforum. Man könnte auch "Frustboard" dazu sagen. Die Seele still und leise vom Weltschmerz zerfressen lassen, ist altmodisch. Trendy dagegen, die elektronischen Medien zur Psychotherapie zu nutzen. Der eigenen, versteht sich.

Klaus Dieter Reichardt (CDU) ist Landtagsabgeordneter des Wahlkreises 36 (Mannheim II), die CDU Mannheims wiederum nicht frei von Skandalen. Seine Partei zerfiel zuletzt in mindestens zwei Lager, die sich fleißig darum bemühten, die Kreisorganisation vor aller Öffentlichkeit zu zerlegen. Nun, Mitleid mit der CDU hatte ich eigentlich nie. Das wird sich wohl kaum ändern. Doch die Querelen der Mannheimer Christdemokraten haben nun abermals einen veritablen Skandal produziert, der die ganze Region köstlich amüsiert.

Rolf Schmidt (60) hat es in Mannheim immerhin zum Bürgermeister gebracht und leitet das Dezernat I. Damit ist er u.a. für das Rechts- und Ordnungswesen zuständig. Mit anderen Worten: für die Ortspolizeibehörde. Sicherheit und Sauberkeit liegen Schmidt sehr am Herzen, diesbezüglich gibt er sich gerne konsequent. Rolf Schmidt ist sozusagen der Manfred Kanther des Rhein-Neckar-Raums.

Sven-Joachim Otto (35) hat es bisher nicht ganz so weit gebracht. Okay, 1999 war er hier Oberbürgermeister-Kandidat. Vergebens, denn der Richter am Sozialgericht Heilbronn konnte die Mehrheit der Wähler nicht von sich überzeugen. Was beiden gemein ist: Sie sind CDU-Mitglied. Schmidt und Otto darüber hinaus treue Freunde von Klaus Dieter Reichardt zu nennen, wäre maßlos übertrieben. Wer Parteifreunde hat, braucht bekanntlich keine Feinde.

"Parteifreund" Reichardt wurde im Internetforum des MM ziemlich hart angegangen. Politiker müssen Kritik ertragen. Gewiß. Doch fielen dort in bezug auf den 50jährigen Landtagsabgeordneten schon mal Ausdrücke wie "übler Lump", "Intrigant", "Judas" und in Anspielung auf bayerische Verhältnisse "echter Amigo". Reichardt erstattete kurzerhand Anzeige. Zu aller Überraschung kam dabei heraus, daß zahlreiche Beleidigungen nicht - wie gemeinhin erwartet - vom politischen Gegner stammen, sondern mit den Accounts seiner "Parteifreunde" Rolf Schmidt und Sven-Joachim Otto ins Netz gestellt wurden. Schmidt nutzte offenbar 52 Pseudonyme, darunter so putzige wie "Old Schwurhand", "Florida Rolf", "Winnetou" oder "Froschkönig". Otto gab sich mit 31 Pseudonymen zufrieden: "Sozialarbeiter", "Rote Socke", "CDU-Frau" oder einfach "Monnemer". Es hat den Anschein, als hätten Schmidt und Otto ihren "Parteifreund" Reichardt bewußt öffentlich diskreditieren wollen. Und das mit Methoden, die man eher infantilen Internet-Kiddies zugetraut hätte, aber keinem Bürgermeister oder ehemaligem OB-Kandidat.

Schmidt sagt, die Nutzung seines Accounts sei kein Beweis. "Jeder, der seine Zugangsdaten kenne, käme als Verfasser in Frage." Otto beruft sich unterdessen auf die Meinungsfreiheit. [2] Daß Beleidigungen von der grundgesetzlich geschützten Meinungsfreiheit ausgenommen sind, dieses Wissen wird im Alltag jedem x-beliebigen Nichtjuristen abverlangt. Wer allerdings, wie Dr. jur. Sven-Joachim Otto, in Mannheim Rechtswissenschaft studiert hat, kann das natürlich nicht wissen. Doch dies nur am Rande.

Das Sahnehäubchen des Ganzen ist, daß man sich im Internetforum des Mannheimer Monopolblatts vermutlich auch noch ausgiebig selbst beweihräucherte. Zitat: "Man will ganz offensichtlich keine unabhängigen Politiker mit Ecken und Kanten, sondern glattgeschliffenes Mittelmaß. (...) Die inhaltlichen Erfolge von Herrn Dr. Otto sind dabei unbestreitbar." Aha. Diese Bewertung stammt von einer gewissen Sabine Neuburg. Nur dumm, daß sich unter diesem Pseudonym ausgerechnet Sven-Joachim Otto zu verbergen scheint. Peinlich, peinlich.

Mit Spannung wird erwartet, welch seltsame Dinge durch die Ermittlungen noch ans Tageslicht kommen. Die Selbstdemontage der Mannheimer CDU ist jedenfalls enorm. Entgegen dem positiven Bundestrend würden Wahlen in Mannheim für die Union wahrscheinlich in einem Desaster enden. Unvermittelt kommt mir der geniale Gedanke: Könnte man Rolf Schmidt und Sven-Joachim Otto nicht weiterempfehlen? Angela Merkel kann Menschen mit Vorbildfunktion doch bestimmt gut gebrauchen.

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[1] morgenweb.de
[2] rheinneckarweb.de