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17. April 2005, von Michael Schöfer
Werteunterricht?


Im Stadtstaat Berlin will man künftig einen religiös und weltanschaulich neutralen Werteunterricht als Pflichtfach anbieten - zusätzlich zum freiwilligen Religionsunterricht. Die Aufregung darüber ist groß, beispielsweise bei Jürgen Rüttgers (CDU). Kinder bräuchten "Werte und eben Gott", so Rüttgers. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sprach von einer "schrecklichen Fehlentwicklung". "Wenn man den Religionsunterricht abschafft und damit die Möglichkeit, feste christliche Werte zu erkennen, dann läßt man die Menschen im Stich", erklärte er. Natürlich darf auch Roland Koch (CDU) nicht fehlen: Das Christentum sei "eine Religion, die über alle Konfessionen und Religionen hinweg verbindet". [1]

Zu den Fakten: In Deutschland gehören von 82,5 Mio. Einwohnern 26,1 Mio. der katholischen und 25,8 Mio. der evangelischen Kirche an. Abgesehen von 3,3 Mio. Muslimen gibt es daneben in Deutschland nur vergleichsweise kleine Religionsgemeinschaften, so etwa 105 Tsd. Juden und 100 Tsd. Buddhisten [2]. Darüber, wie viele davon im engeren Sinne als gläubig anzusehen sind, gibt es naturgemäß keine zuverlässigen Zahlen. Rund 27 Mio. Einwohner Deutschlands gehören jedoch überhaupt keiner Religionsgemeinschaft an - immerhin ein Drittel der Bevölkerung.

Ich kann die Aufregung über den Werteunterricht ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Wieso soll ein religiös und weltanschaulich neutraler Werteunterricht, der folglich nicht bloß christlich-religiöse Inhalte vermittelt, auf die SchülerInnen negativ wirken? Wirkt etwa eine vom Freigeist geprägte Ethik "zersetzend"? Sind Atheisten per se unmoralisch? Die Wertevermittlung - wie in der Vergangenheit - auf das Christentum zu beschränken, würde doch gerade eine in Wahrheit schädliche Einseitigkeit dauerhaft festschreiben. Die Lebenswirklichkeit der Bevölkerung ist zudem längst eine andere.

Rüttgers, Stoiber und Koch halten indes offenbar nur die christliche Weltanschauung für vermittelnswert. Sie suggerieren damit beiläufig, daß andere Anschauungen weniger wertvoll seien. Wieso läßt man eigentlich "die Menschen im Stich", wenn man ihnen Platon, Kant oder Sartre nahebringt, wenn sie neben dem Christentum auch etwas vom Islam, Buddhismus oder Judentum erfahren? Wirkt das Christentum tatsächlich so "verbindend", wie es Koch darstellt? Sind die christlichen Fundamentalisten etwa allesamt ausgestorben? Überhaupt, braucht man Gott wirklich?

Kenntnisse über andere Wertvorstellungen können m.E. nur befruchtend wirken, in einer globalisierten Welt wird das ohne Zweifel von großem Nutzen sein. Die selbsternannten Verteidiger des Christentums haben offenbar Angst vor allzu viel Gedankenfreiheit, die Schäfchen der christlichen Kirche sind ihnen vermutlich - wie gehabt - als dumme Schäfchen am liebsten. Wo kämen wir auch hin, wenn die Menschen anfangen würden, selbständig zu denken? Nicht auszudenken wäre das.

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[1] Deutsche Welle vom 10.04.2005
[2] Remid, Religionen & Weltanschauungsgemeinschaften in Deutschland, Mitgliederzahlen