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03. Mai 2005, von Michael Schöfer
Deutsche wollen immer weniger Kinder


Die Deutschen verweigern sich dem Kinderkriegen: "Während 1992 Familien in der Regel noch zwei Kinder wollten, ist jetzt der Durchschnittswert auf 1,7 gefallen." Und: "Die tatsächliche Kinderzahl liegt nach den Erhebungen noch unter der Zahl der gewünschten Kinder. Im statistischen Schnitt bringt eine Frau 1,4 Kinder zur Welt. Um die Zahl der Bevölkerung konstant zu halten, müsste dieser Wert bei 2,1 liegen." [1]

Ende 2003 bezogen insgesamt 1,1 Mio. Kinder unter 18 Jahren laufende Hilfe zum Lebensunterhalt (= die bis zum 31.12.2004 geltende Sozialhilfe, am 01.01.2005 durch ALG II abgelöst). Kind zu sein ist in Deutschland offenbar nicht besonders attraktiv. Zumindest dann nicht, wenn man sich die falschen Eltern herausgesucht hat. Besonders Alleinerziehende haben vergleichsweise häufig unter Armut zu leiden. Dem Armutsbericht der Bundesregierung zufolge war das Risiko, arm zu sein (= über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zu verfügen), im Jahr 2003 bei Alleinerziehenden mit 35,4 Prozent am höchsten.

Das generelle Armutsrisiko, unabhängig von der individuellen Lebenslage, ist seit Anfang der siebziger Jahre ständig gewachsen. So galten in Westdeutschland im Jahr 1973 8,7 Prozent der Gesamtbevölkerung als arm, 1988 waren es 11,8 Prozent. Dieser Trend hat sich nach der Wiedervereinigung fortgesetzt, in Gesamtdeutschland lag die Armutsquote im Jahr 2003 bei 13,5 Prozent. Augenscheinlich wirkt sich die schlechter werdende soziale Lage besonders negativ auf den Kinderwunsch aus. Um so unbegreiflicher ist, warum sich die Politik immer noch nicht dazu durchringen kann, den Nachwuchs noch gezielter zu fördern.

Die Steuerausfälle aufgrund des Ehegattensplittings werden gegenwärtig auf rund 22 Mrd. Euro taxiert. Beim Splitting werden, grob gesagt, die Einkünfte beider Ehegatten zusammengerechnet und steuerlich gemeinsam veranlagt. Weicht das Einkommen stark voneinander ab, zahlt der besserverdienende Partner weniger Steuern, als er bei Einzelveranlagung zahlen müßte. Die höchste Steuerersparnis tritt dann ein, wenn ein Ehepartner Alleinverdiener ist. Dieses Prinzip wird bereits seit Jahren heftig kritisiert, Rot-Grün wollte es ursprünglich modifizieren oder sogar ganz abschaffen. Dazu gekommen ist freilich nie.

Beim Ehegattensplitting wird lediglich das Verheiratetsein steuerlich gefördert, nicht die Familie, denn die Anzahl der Kinder ist hierbei gar nicht entscheidend. Alleinerziehende oder Erwerbslose können überhaupt kein Splitting nutzen. Warum ist es so unendlich schwer, das Finanzvolumen des Ehegattensplittings gezielt den Menschen mit Kindern zukommen zu lassen? Für den Staat wäre das eine aufkommensneutrale Angelegenheit, für die Gesellschaft allerdings mit einem enormen Vorteil verbunden: Die Ehe allein würde keine Vorteile mehr bringen, Kinderkriegen dafür umso mehr (unabhängig davon, ob man einen Partner oder ein Erwerbseinkommen hat).

Den mangelnden Kinderwunsch darf man jedoch nicht monokausal mit der Höhe der staatlichen Förderung verknüpfen. Die Lage ist wesentlich komplexer, weil die Entscheidung für oder gegen Kinder von vielen Faktoren abhängig ist. Wenn man es etwa den Menschen schwer macht, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen, darf man sich über den zurückgehenden Kinderwunsch nicht wundern. "Man kann nicht Mobilität predigen und gleichzeitig das hohe Lied von Heimat und Familie singen." Diesem Zitat von Jürgen Rüttgers (CDU) ist uneingeschränkt zuzustimmen. Jetzt muß er nur noch die Politik der Union entsprechend seiner Diagnose verändern. Unser Problem ist, daß die Politik oft unvereinbare Forderungen stellt. Die maximale ökonomische Verfügbarkeit ist mit dem Wunsch, eine Familie zu gründen, eben nicht in Einklang zu bringen. Solange sich die Politik für keine eindeutige Richtung entscheidet, entscheiden sich halt die Menschen. Momentan offenbar immer öfter gegen Kinder.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 03.05.2005