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14. Mai 2005, von Michael Schöfer
Der Kapitalismus frißt seine Kinder

Er hat ihn gewollt, seinen Abgang als Aufsichtsratschef der Deutschen Börse. Okay, nicht direkt, aber in der Vergangenheit hat er das Verhalten von Investoren, das ihm jetzt selbst zum Verhängnis geworden ist, ausdrücklich befürwortet und gefördert. Nachdem Rolf-Ernst Breuer Vorstandssprecher bei der Deutschen Bank und damit Nachfolger von Hilmar Kopper ("Peanuts") wurde, läutete er beim deutschen Bankenprimus die Ära des Investmentbanking ein. Breuer bevorzugte das Geschäft mit Firmenfusionen und Übernahmen, den Privatkundenbereich schob er dagegen zur eigens dafür gegründeten Deutschen Bank 24 ab. Mit Peanuts wollte er sich offenbar nicht mehr begnügen, sondern lieber mit der Konzentration auf die Anleger das ganz große Rad drehen. Als die Internet- und in ihrem Fahrwasser auch die Investmentblase platzten, holte man das Privatkundengeschäft allerdings reumütig ins Mutterhaus zurück. Naja, Fehler passieren eben überall.

Breuer beklagte früher, in Deutschland herrsche ein "Mangel an Übernahmekultur". Frankreich sei diesbezüglich "mehrere Schritte voraus", erläuterte er uns beispielsweise im Jahr 1997. "Dort gebe es längst das regulatorische Umfeld für Pensionsfonds zur privaten Vorsorge, und Firmenkäufe, auch die sogenannten feindlichen, gehörten zur Normalität." Er sagte im Zuge der Einführung des Euro eine "zusätzliche Verschärfung des Wettbewerbs" voraus und betonte: "Dem haben wir uns zu stellen." [1]

Im seinem Stammhaus, der Deutschen Bank, hatte Breuer stets das Interesse der Anteilseigner (Shareholder) im Blick, was dort zwecks Erhöhung der Eigenkapitalrendite einen enormen Personalabbau nach sich zog. Die gescheiterte Fusion der Deutschen Börse mit ihrem Pendant in London sorgte jetzt für den überraschenden Abgang Breuers als Aufsichtsratsvorsitzender. Vertreter des Hedgefonds TCI, Anteilseigner der Deutschen Börse, machten gegen den Zusammenschluß Front und sägten dessen Befürworter, Vorstandschef Werner Seifert und Rolf-Ernst Breuer, kurzerhand ab. Der Kapitalismus frißt seine Kinder.

Nun bezeichnet Breuer es plötzlich als "gefährlich, wenn sich die Hedgefonds zu Herren der Szene machen" [2]. Dabei ist TCI doch bloß dem von ihm selbst propagierten Credo gefolgt, das Interesse der Anteilseigner in den Vordergrund zu rücken. Vom Antreiber zum Getriebenen - so schnell geht das zuweilen. Mit diesem Vorfall, so heißt es allenthalben, habe sich das angelsächsische, extrem am Interesse der Anteilseigner orientierte Kapitalismusmodell endgültig gegenüber dem mehr am Konsens orientierten "rheinischen Kapitalismus" durchgesetzt. Bislang hatten hauptsächlich die Arbeitnehmer unter den Shareholdern zu leiden, künftig tun das auch die Manager.

Mein Gott, wo lebt ihr denn? Das ist Kapitalismus. Und zwar in Reinkultur. Ist es nicht das, was ihr immer gewollt habt: Eigenverantwortung stärken, Bürokratie (d.h. Staatseinfluß) abbauen und dabei gleich den ganzen Sozialklimbim über Bord werfen? Doch nun, wo der Kapitalismus nicht nur die abhängig Beschäftigten zu Hartz IV-Empfängern werden läßt, sondern obendrein die begehrten Vorstands- und Aufsichtsratsposten ins Visier nimmt, gibt es einen Aufschrei der Empörung. Hey, das ist business. Nur verbohrte Gewerkschafter glauben noch daran, daß eine Firma den Beschäftigten zu dienen habe. Nein, es geht letztlich nur ums Geld. Jetzt erntet man das, was man vorher gesät hat. Aber im Unterschied zu den üblichen Opfern der Investoren wird Rolf-Ernst Breuer kaum darben müssen, mit 12,2 Mio. US-Dollar geschätztem Jahreseinkommen stand er im Jahr 2001 unter den Bossen der größten nichtamerikanischen Firmen immerhin auf Platz zwei [3], was mich natürlich unheimlich beruhigt. Da fallen mir gleich mehrere Steine vom Herzen.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 15.04.1997
[2] Frankfurter Rundschau vom 12.05.2005
[3] Financial Times Deutschland vom 09.05.2005