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20. Mai 2005, von Michael Schöfer
Ackermanns mimosenhafte Dünnhäutigkeit


"Niemand, den ich kenne, will Kapitalismus pur oder einen Raubtierkapitalismus", behauptete Josef Ackermann diese Woche auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank. Er finde es "beschämend", daß die Kritik auch auf seine Person beziehungsweise auf sein Institut gerichtet sei. Kapitalismuskritik habe "keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen. (...) Der Aufschwung, den wir dringend brauchen, entsteht so nicht, ganz im Gegenteil." Im Ausland werde die Diskussion mit einem Kopfschütteln verfolgt. "Dort fragt man sich: Was hat Deutschland gegen ausländische Investoren?"

Ackermann ist ein Wolf, der behauptet, keine Wölfe zu kennen. Mit anderen Worten: Den Raubtierkapitalismus leugnen, ihn aber selbst praktizieren. Kapitalismuskritik habe "keinen einzigen Arbeitsplatz geschaffen". Das ist wahr. Doch die Deutsche Bank, deren Vorstandssprecher zu sein Josef Ackermann die Ehre hat, schafft selbst ohne Kapitalismuskritik keine Arbeitsplätze. Im Gegenteil, sie vernichtet welche. Trotz enormer Gewinne (vor Steuern verdiente die Deutsche Bank von Januar bis Ende März 2005 1,8 Milliarden Euro, das sind beachtliche 33 Prozent Eigenkapitalrendite) hält Ackermann am geplanten Stellenabbau von brutto 6.400 Stellen fest.

Josef Ackermann und die Deutsche Bank repräsentieren den Raubtierkapitalismus, den der Vorstandssprecher hartnäckig leugnet. Und unfreiwillig komisch wird das Ganze, wenn seine krude Wirtschaftsideologie durchschimmert. Sätze wie "Der Aufschwung, den wir dringend brauchen, entsteht so nicht" machen deutlich, wie weit sich die Herren in den Vorstandsetagen von der Realität entfernt haben. Wenn mit einem Quartalsgewinn von 1,8 Mrd. Euro und sagenhaften 33 Prozent Eigenkapitalrendite keine Arbeitsplätze geschaffen, sondern vielmehr vernichtet werden, läuft in Deutschland etwas gründlich schief. Will Ackermann das partout nicht wahrhaben? Präsentiert er uns lediglich seine intellektuelle Beschränktheit oder steht er im Lager der Zyniker?

Bei welchem Gewinn und bei welcher Eigenkapitalrendite werden denn bei der Deutschen Bank wieder Mitarbeiter eingestellt? Außerdem: Kommt mit mehr Arbeitslosen, die die Deutsche Bank unweigerlich produziert, wirklich der Aufschwung? Zweifel daran sind nicht unbegründet. Mit Kopfschütteln registriert man deshalb nicht die Kapitalismusdebatte, sondern die Ausflüchte von Josef Ackermann & Co. Gegen Investoren hat man hierzulande überhaupt nichts einzuwenden. Aber man hat etwas gegen Manager, denen Gewinne alles, die Menschen hingegen gar nichts bedeuten. Unabhängig davon, ob sie aus dem Ausland kommen oder in Deutschland heimisch sind.

Marie Antoinette (1755 - 1793) wird nachgesagt, sie habe, darauf angesprochen, daß die Armen kein Brot hätten und deshalb hungern müßten, ihnen kurzerhand empfohlen Kuchen zu essen. Zynismus wird zuweilen bestraft, damals endete das Ganze - wie wir wissen - auf dem Schafott. Diese unüberlegte Äußerung kostete Marie Antoinette ihren hübschen Kopf. Die Torheit der Herrschenden war von jeher immens. Josef Ackermann ist hierfür ein exzellentes Gegenwartsbeispiel. Er wird froh sein, daß die Guillotine in Deutschland mittlerweile geächtet ist. Doch zumindest Kritik am Kurs der Deutschen Bank muß er aushalten. Ackermanns mimosenhafte Dünnhäutigkeit beweist, daß man genau den Nerv getroffen hat. Seine - bald ehemaligen - Mitarbeiter müssen wesentlich mehr erdulden. Bei ihnen geht es schließlich um die Existenz. Beschämend ist nicht die Kapitalismuskritik, sondern der Raubtierkapitalismus von Ackermann, der diese Existenznöte verursacht.