Home | Archiv | Leserbriefe | Links | Impressum



28. Mai 2005, von Michael Schöfer
Typischer Wendehals / Linkspartei eine Fata Morgana


Nachtrag zu "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" vom 26. Mai 2005:

Thomas Händel (WASG) erklärte gestern abend im TV-Sender Phoenix, "dass es notwendig ist, eine breite linke Bewegung zu stabilisieren, zu formen, die in der Lage ist, tatsächlich in diesem Bundestag auch politische Alternativen auf die Tagesordnung zu bringen und andere gesellschaftliche Entwürfe zu formulieren, als die von Rot-Grün-Schwarz-Gelb. (...) Ich denke nicht, dass die WASG bei diesen Gesprächen zwischen Gysi und Lafontaine aus der Kurve fliegt. Wir werden da sein, und wenn die PDS meint, sie könne die Bundestagswahl alleine bestreiten, dann muss sie das wohl so entscheiden."

Im Jahr 1989 gab es dafür einen treffenden Begriff: Wendehals.

Außerdem: Aus meinen Gesprächen mit eher sozialdemokratisch orientierten Menschen (und die wollte die WASG doch ursprünglich erreichen) schließe ich, daß die vermeintlich "historische Chance" einer vereinten Linken in Wahrheit gar nicht existiert. Man plant nämlich ohne die potentiellen Wähler. Die Wähler müssen mitmachen, nicht bloß die Funktionäre. Und die Verbindung PDS-WASG ist meiner Ansicht nach eine Fata Morgana. Ein wie auch immer geartetes Wahlbündnis mit der PDS wird der Wähler - zumindest im Westen - nicht in ausreichendem Maße honorieren. Lafontaine hin, Lafontaine her.

Neueste Umfragen besagen, daß sich "18 Prozent der Befragten" vorstellen könnten, "bei der Bundestagswahl eine Partei zu wählen, in der der frühere SPD-Vorsitzende Oskar Lafontaine eine führende Rolle spielt." [1] Das hieß es schon einmal: Eine Umfrage im Juni 2004 ergab, daß 6 Prozent der Befragten eine wahlpolitische Alternative wählen wollten, 38 Prozent könnten sich so etwas vorstellen. [2] 38 Prozent! Bei den Landtagswahlen am 22. Mai 2005 erreichte die WASG hingegen lediglich 2,2 Prozent, die PDS übrigens 0,9 Prozent. Macht zusammen 3,1 Prozent. Zwischen Umfragewerten und Wahlergebnissen herrscht ein himmelweiter Unterschied. Die einzig wahren Umfragen sind Wahlen.

Die WASG rennt Lafontaine auf seinem Weg ins Bett der PDS einfach hinterher. Warum eigentlich? Weil plötzlich Mandate winken? Die WASG kommt mir zur Zeit vor wie ein angefütterter Möchtegernspekulant, der vor lauter Dollarzeichen auf den Augäpfeln die Risiken nicht mehr wahrnimmt. Börsenblasen platzen bekanntlich - Wahlträume ebenso. Darüber hinaus scheint in der WASG die innerparteiliche Willensbildung wie andernorts von oben nach unten zu laufen. Äußerungen von Bundesvorstandsmitgliedern kann man nur der Presse entnehmen. Wird die Parteibasis überhaupt noch gefragt, bevor der Rubikon überschritten und Fakten geschaffen werden? Interessante Frage.

----------

[1] Reuters vom 27.05.2005
[2] WASG-Newsletter vom 24.06.2004