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30. Juni 2005, von Michael Schöfer
Abzug aus Gaza nur der Anfang


Der Rückzug aus dem 1967 besetzten Gazastreifen wird Israel wohl noch viele Probleme bereiten. Nicht nur Probleme mit radikalen Palästinensern, die ein mögliches Machtvakuum für Anschläge nutzen könnten, sondern vor allem Probleme mit den Radikalen der israelischen Siedlerbewegung. Jüdische Siedler haben dort gerade einen wehrlosen palästinensischen Jugendlichen fast zu Tode geprügelt. [1] Dies zeigt, zu welchen Taten die Fanatiker fähig sind. Man muß demnächst sogar noch viel schlimmeres befürchten, denn der eigentliche Abzug der 8000 Siedler aus dem 360 qkm großen Gazastreifen hat ja noch gar nicht richtig begonnen.

Was sich im Gazastreifen ankündigt, kann jedoch bloß der Auftakt zu einem umfassenderen Rückzug aus allen besetzten Gebieten sein. Hiermit ist im wesentlichen das 5.600 qkm große Westjordanland gemeint (vgl. Karte).


[Quelle: University of Texas at Austin Libraries, Karte ist "public domain"]

Dieses ebenfalls im Sechstagekrieg besetzte Gebiet hat für die Israelis freilich eine viel größere Bedeutung, immerhin war es früher, zwischen dem 11. und dem 6. Jahrhundert v. Chr., das Stammland des israelischen Königreichs. Zwar gab es von 141 bis 63 v. Chr. noch einmal einen unabhängigen israelischen Staat, doch war dieser nach der Eroberung durch die Römer endgültig Geschichte. Bis zur Vertreibung und dem Beginn der Diaspora (135 n.Chr.) lebten die Juden ohne ein eigenständiges Gemeinwesen in der Region.

Das Gebiet um Jerusalem hat darüber hinaus eine religiöse Bedeutung, denn es gehört dem jüdischen Glauben zufolge zu dem von Gott den Israeliten auf ewig versprochene (gelobte) Land Kanaan: "Das Land zwischen der östlichen Mittelmeerküste und dem Jordan sowie zwischen dem Libanongebirge und der Negevwüste." Mittlerweile haben sich im Westjordanland mehr als 230.000 israelische Siedler in 145 Siedlungen niedergelassen. Auf Land, das ihnen nicht gehört, das sie aber mit dem Hinweis auf biblische Ansprüche nach wie vor besetzt halten.

Israel hat lediglich einen rechtmäßigen Anspruch auf sein international anerkanntes Staatsgebiet, das mit den Waffenstillstandslinien von 1948 identisch ist (auf der Karte dunkelgrün). Die Westbank gehört, wie man sieht, nicht dazu. Können rund 2000 Jahre alte staatliche und viel ältere biblische Ansprüche heute noch nachwirken und Recht setzen? Wohl kaum.

Weltreiche kommen, Weltreiche gehen. Doch die Nachgeborenen können die Geschichte nicht mehr rückgängig machen. Das Rad der Zeit läuft eben über vieles hinweg. Der deutsche Anspruch auf Königsberg (heute Kaliningrad), die Geburtsstadt Immanuel Kants, ist, obgleich viel jünger, unwiderruflich erloschen. Mit gutem Grund. Oder sollen wir die Gründung der Burg Königsberg durch den Deutschen Orden im Jahr 1250 n. Chr. zum Anlaß nehmen, die Stadt Kaliningrad von Rußland zurückzufordern? So etwas vertreten bei uns nur noch irregeleitete Rechtsradikale.

Religiöse Ansprüche haben m.E. in einer säkularen Welt nichts zu suchen. Ob es Gott überhaupt gibt, ist äußerst zweifelhaft, der Glaube an ihn eine private Angelegenheit. In der Neuzeit herrscht das Verbot, Land mit Gewalt an sich zu reißen. Egal aus welchem Grund. Ein unverzichtbarer Grundsatz, der die Vereinten Nationen erst möglich gemacht hat und den Frieden zwischen den souveränen Staaten sicherstellen soll. Die Zeit der Eroberungskriege ist definitiv vorbei. Grundlage jeder Lösung des Nahost-Konflikts ist die UN-Resolution 242, die beides garantiert: den Rückzug aus den besetzten Gebieten und die sichere Existenz Israels in seinen anerkannten Grenzen. Daran sollte man sich stets ausrichten. Dies gilt für alle gleichermaßen: Israel, die Palästinenser und die arabischen Nachbarstaaten. Es wird in Nahost keinen Frieden geben, wenn man die Grundsätze der Resolution 242 weiterhin mißachtet.

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[1] Die Welt vom 30.06.2005