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14. August 2005, von Michael Schöfer
Wem gehört die Nofretete?


"Nach 65 Jahren ist die Nofretete auf die Museumsinsel in der Mitte Berlins zurückgekehrt. Die mehr als 3000 Jahre alte Büste der Ägypterkönigin wurde ins Alte Museum am Berliner Dom gebracht. Dort residiert sie bis 2009. Dann wird sie ins benachbarte Neue Museum umziehen, das noch aufwendig restauriert werden muss", berichtete das ZDF am 12.08.2005. Die Berliner Morgenpost titelte kurz und bündig: "Die Königin ist daheim." [1] Nofretete, Bedeutung: die Schöne ist gekommen, war die Hauptgemahlin des Pharao Echnaton (Amenophis IV.), der von 1353 bis 1336 v. Chr. Ägypten regierte. Die aus Kalksandstein und Gips bestehende Büste der Nofretete stammt aus der Werkstatt des Thutmosis, Echnatons Oberbildhauer. Das Entstehungsjahr des antiken Kunstwerks wird auf etwa 1345 v. Chr. geschätzt.

Die Büste der Nofretete ist also "zurückgekehrt", jetzt "daheim". Ist sie das tatsächlich? Gehört sie überhaupt dorthin, ins "Neue Museum"? Ausgegraben wurde sie jedenfalls 1912 vom deutschen Ägyptologen Ludwig Borchardt (1863-1938), erster Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo. Das steht fest. Fundort war die von ihm freigelegte Werkstatt des Thutmosis in Tell el-Amarna, ein abgeschiedener Ort am Ostufer des Nil in Mittelägypten. "Die Kalksteinbüste wurde 1913, als noch niemand an ein Ausfuhrverbot dachte, vom Osmanischen Reich dem Ausgräber und damit dem Finanzier, dem Berliner Großkaufmann und Kunstmäzen James Simon, überlassen." [2] "Ein Inspektor des ägyptischen Antikendienstes hatte die Büste bei der vereinbarten Teilung des Fundes der deutschen Seite zugesprochen." [3] Gleichwohl soll Borchardt die Nofretete "heimlich" aus Ägypten fortgeschafft haben. [4] Alles andere als ein Beleg für ein reines Gewissen. Wie dem auch sei, Simon wiederum gab sie zunächst als Dauerleihgabe, dann als Schenkung an das Ägyptische Museum Berlin.

Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist allerdings, daß der ägyptische Antikendienst bis zur Regierungszeit Gamal Abdel Nassers (1954-1970) stets von einem Europäer und nicht von einem Einheimischen geleitet wurde. Ägypten war seit 1882 durch britische Truppen besetzt, stand aber nach wie vor unter der formellen Oberhoheit der Osmanen. Die faktische Macht lag dagegen beim britischen Generalkonsul. Die Ägypter selbst hatten damals in ihrem eigenen Land nichts zu sagen. Mit anderen Worten: Nach heutigen internationalen Maßstäben gilt die Büste ohne Zweifel als geraubtes Kulturgut: Die UNESCO-Konvention vom 14.11.1970 verbessert den Schutz von Kulturgütern. Im ihrem Zentrum steht die Bekämpfung des Diebstahls, der Raubgrabungen und der rechtswidrigen Ein- und Ausfuhr von Kulturgut. Weiterhin tritt die Konvention für die Rückgabe gestohlener und die Rückführung rechtswidrig ausgeführter Kulturgüter ein. Deutschland hat diese Konvention noch nicht ratifiziert, obgleich der rot-grüne Koalitionsvertrag vom 16.10.2002 dies ausdrücklich vorsah. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Wem also gehört die Nofretete? Ihrer Entstehung und den Umständen ihres Besitzwechsels zufolge wohl eher den Ägyptern. Sollte man sie deshalb nicht besser dorthin zurückbringen, woher sie ursprünglich kam und von wo man sie Anfang des vorigen Jahrhunderts illegalerweise fortnahm? Leider liest man darüber in den Zeitungen nichts. Diskussionen über die Eigentumsverhältnisse? Absolute Fehlanzeige. Daß sie nach Berlin gehört, wird einfach als selbstverständlich vorausgesetzt.

Bekanntlich kann man jedoch nach bundesdeutschem Recht kein Eigentum an gestohlenen Gütern erwerben. Was als Rechtsgrundsatz allgemein akzeptiert und unbestritten sinnvoll ist, wird freilich in bezug auf die zahlreichen antiken Kunstwerke in unseren Museen fast völlig ignoriert. Würde man die Büste der Nofretete heute aus dem "Alten Museum", wo sie sich gegenwärtig befindet, entwenden, hätte man unweigerlich Polizei und Justiz am Hals. Für die durchaus berechtigten Besitzansprüche der Ägypter setzt sich hingegen niemand ein. Natürlich ist die Nofretete ein touristisches Highlight. Die vermutlich nicht unbeträchtlichen Einnahmen erzielt man verständlicherweise lieber an der Spree, als sie einem Museum am Nil zu gönnen. Doch ist Moral käuflich? Ist Recht teilbar? Es wird Zeit, daß Nofretete in ihre wahre Heimat zurückkehrt. Und diese Heimat heißt Ägypten.

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[1] Berliner Morgenpost vom 12.08.2005
[2] Yahoo
[3] Stern.de
[4] Wikipedia