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28. September 2005, von Michael Schöfer
VW erzwingt Einschnitte


Der neue Golf-Geländewagen "Marrakesch" wird nun doch in Wolfsburg und nicht in Portugal gebaut. Auf den ersten Blick eine gute Nachricht, denn damit werden hierzulande viele Jobs gesichert. Die schlechte Nachricht ist freilich, daß die Belegschaft dafür auf Einkommen verzichten muß, denn der Marrakesch wird bei der VW-Tochter "Auto 5000 GmbH" produziert. Dort liegt der Lohn 20 Prozent unter dem üblichen VW-Haustarif. 3.700 Beschäftigte arbeiten bereits bei der Auto 5000 GmbH, zu einem Pauschalgehalt von 2.556 Euro im Monat. Der Betriebsrat sieht durch die Einigung mehr als 1.000 Jobs gesichert, während das Management die Belegschaft schon jetzt auf weitere Einschnitte vorbereitet. "Das ist ein erster Schritt auf einem ganz langen Weg, den wir noch vor uns haben", gibt VW-Markenchef Wolfgang Bernhard unumwunden zu. In den nächsten drei Jahren will VW die Kosten konzernweit um 10 Mrd. Euro senken und damit den Vorsteuergewinn auf 5,1 Mrd. erhöhen. [1]



Kein Zweifel, der Autobauer ist in der Krise. Die Marke VW schreibt rote Zahlen. Und der Konzerngewinn ist im letzten Jahr auf 1,1 Mrd. Euro vor Steuern gesunken, im Rekordjahr 2001 lag er dagegen noch bei 4,4 Mrd. Euro. [2] Wie so oft ist die Misere allerdings weniger die Schuld der Beschäftigten, sondern vor allem auf krasse Managementfehler zurückzuführen. Denn Volkswagen ist anders als früher kein Wagen fürs gemeine Volk. Der Golf kostet momentan in der billigsten Version (75 PS) 15.325 Euro, in Zeiten zurückgehender Reallöhne zweifellos zuviel. Der Ausflug ins Hochpreissegment, für den neuen Phaeton mit 12-Zylindern und 450 PS muß der Kunde sage und schreibe mindestens 106.000 Euro investieren, war ein grandioser Flop. Der Betriebsrat hatte seinerzeit eindringlich vor dem Bau der Luxuskarosse gewarnt, allein das Management unter dem damaligen VW-Chef Ferdinand Piëch wähnte die Firma zu Höherem berufen. Auch Ikarus wollte einst hoch hinaus. Zu hoch, wie sich letztlich herausgestellt hat. Das Ergebnis ist allseits bekannt.

Es ist bitter, wenn die Arbeitnehmer für das Versagen des Managements büßen. Noch schlimmer ist, daß die gesamte Volkswirtschaft darunter leidet. Jeder Arbeitnehmer, der zwangsweise Lohnverzicht üben muß, kann weniger ausgeben. Die Konsequenz: Zurückgehende Einnahmen auch im Konsumbereich, etwa beim Einzelhandel. Unsere Volkswirtschaft ist also nach wie vor in einer fatalen Abwärtsspirale. Diese kann nur durchbrochen werden, wenn die Menschen wieder mehr Geld zur Verfügung haben. Die Erfolge der exportorientierten Firmen müssen endlich wieder in Form von ansehnlichen Lohnerhöhungen bei den Belegschaften ankommen. Im ersten Halbjahr 2005 erwirtschaftete Deutschland einen Exportüberschuß von 84,8 Mrd. Euro - soviel wie noch nie. [3] Wir können es uns also durchaus leisten. Und wenn die Menschen mehr Geld in der Tasche haben, profitiert davon auch der Binnenmarkt. Die Ausgaben des einen sind nämlich die Einnahmen des anderen. Eine ökonomische Binsenweisheit.

Gerade hat Daimler-Chrysler angekündigt, in Deutschland 8.500 Arbeitsplätze abzubauen. Daimler-Chrysler geht aber weiterhin für das Gesamtjahr "von einem leichten Anstieg des Operating Profit gegenüber dem Jahr 2004 (EUR 5,8 Mrd.) aus", heißt es auf der Website des Konzerns. Wer Löhne immer noch bloß als Kosten begreift, die es auf Teufel komm raus zu reduzieren gilt, dem ist nicht mehr zu helfen. Der gräbt der Volkswirtschaft, und damit am Ende seinem eigenen Unternehmen, das Grab. Es wird fatalerweise zuviel betriebswirtschaftlich und zuwenig volkswirtschaftlich gedacht.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 28.09.2005
[2] VW-Geschäftsbericht 2004, Seite 115
[3] Frankfurter Rundschau vom 14.09.2005