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13. Oktober 2005, von Michael Schöfer
Geduld ist alles


Manchmal erweisen sich Niederlagen am Ende als glorreiche Siege. Ganz ausgefuchste Burschen wiegen nämlich den Gegner bewußt in trügerischer Sicherheit, bevor sie plötzlich und erbarmungslos zuschlagen. Bobby Fisher, Schachweltmeister von 1972 bis 1975, ist so einer. In seinem legendären Spiel gegen Donald Byrne, das 1956 beim New Yorker Rosenwaldturnier stattfand, opferte er nach dem 17. Zug die Dame. Beim Schach ist ein Damenverlust in der Regel nicht gutzumachen und deshalb meist gleichbedeutend mit einer Niederlage. Fisher pokerte hoch - und gewann. Nach dem 41. Zug war sein perplexer Kontrahent schachmatt. Genial, nicht wahr?

Nun hat 1989 der Genosse Honecker mitsamt seiner ganzen Deutschen Demokratischen Republik abgedankt. Der Sozialismus war am Ende, der Kapitalismus hatte endgültig gesiegt. Doch nur scheinbar - so wie damals bei Fisher. Denn der Rücktritt Honeckers war bloß der 17. Zug des Marxismus-Leninismus, sozusagen ein Staatsratsvorsitzendenopfer. Und der 41. folgt jetzt im November, wenn Angela Merkel Bundeskanzlerin wird. Franz Josef Strauß, Gott hab' ihn selig, hat stets befürchtet, daß uns die Kommunisten mit ihren Panzern überrollen. Weit gefehlt. Sie rollen nicht, sie unterwandern. Und das noch geschickter als seinerzeit Bobby Fisher Donald Byrne überraschte.

Geduld ist manchmal alles. Nicht wahr, Genossin Merkel?