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06. November 2005, von Michael Schöfer
Fragen können helfen...


...auch wenn man nicht gleich auf jede Frage eine passende Antwort parat hat. In Frankreichs Vorstädten geht es momentan ziemlich rund. "Bei Krawallen in mehreren Pariser Vororten und in den Städten Straßburg, Lille, Rennes und Toulouse wurden fast 900 Autos in Brand gesteckt. (...) Mehrere Gebäude wurden in Brand gesteckt. Geschäfte, Lagerhallen, ein Parkhaus und ein Büro der Post fingen Feuer", meldete Reuters gestern. Seit nunmehr neun Nächten kommt es dort zu heftigen Straßenschlachten randalierender Jugendlicher mit der Polizei.

Ausgelöst wurden die Krawalle durch den Tod von zwei Jugendlichen. Drei Teenager wähnten sich von der Polizei verfolgt und überstiegen deshalb den Zaun einer Transformatorenstation, um sich darin zu verstecken. Zwei der Jugendlichen wurden durch Stromschläge getötet, der dritte überlebte. Er hat später ausgesagt, daß sie sich über das Risiko durchaus im klaren gewesen sind. Tragisch: Die drei wurden gar nicht von der Polizei verfolgt, gegen sie lag überhaupt nichts vor. Die Polizei war wegen einer anderen Sache vor Ort. Nachdem schließlich Gerüchte aufkamen, die Ordnungshüter hätten sie in den Tod getrieben, kam es zu den Unruhen.

Die Äußerungen des französischen Innenministers Nicolas Sarkozy, der die Bewohner der Vororte als "Gesindel" und "Diebespack" bezeichnete, waren natürlich in dieser Situation alles andere als deeskalierend. [1] Solche Äußerungen gießen nur Öl ins Feuer. Andere stellen sich jedoch sehr wohl die Frage, wie es zu diesem bislang nicht gekannten Ausmaß an Krawallen kommen konnte. Es wird gegenwärtig viel über die soziale Vernachlässigung der Jugendlichen in den Vororten gesprochen. Da ist eine Generation herangewachsen, die von Anfang an keine Perspektive hatte. Ihr Leben ist geprägt von Ausgrenzung und Armut. Wahrlich keine neue Erkenntnis, das weiß man schon seit langem. Getan hat sich bislang aber nichts.

Die meisten der Jugendlichen stammen aus Nordafrika (dem französischsprachigen Maghreb) und sind Moslems. Der libanesische Schriftsteller Amin Maalouf, der einst vor dem Bürgerkrieg in seinem Land nach Paris flüchtete, gibt der mangelnden Integration der Zuwanderer die Schuld. Trotz der gemeinsamen Sprache sei die Kommunikation zwischen den Lagern in Frankreich seit längerer Zeit abgerissen. Die Zuwanderer leben zumeist in den Vorstadt-Ghettos. Dessenungeachtet fügt er hinzu: "Es gibt aber auch auf internationaler Ebene keine Verständigung mehr zwischen Arabern und dem Westen. Und meiner Meinung nach ist der Graben, den wir heute zwischen Orient und Okzident haben, viel tiefer als noch vor 20 oder 30 Jahren." [2] Mit anderen Worten: Das Problem geht weit über Frankreich hinaus, tritt dort freilich besonders deutlich zutage. Arabische Moslems in Frankreich hätten Maalouf zufolge ein schwerwiegendes Identitätsproblem. "Man sagt den Kindern der Einwanderer: Ihr seid alle Franzosen. Aber die Betroffenen haben das Gefühl, von der französischen Gesellschaft abgeschnitten und auf die eigene Gemeinschaft zurückgeworfen zu sein."

Meiner Meinung nach sind die Vorfälle in Frankreich nicht bloß auf die erneut aufgebrochene Antipathie zwischen Orient und Okzident zurückzuführen. Soziale Desintegration ist schließlich ein generelles Phänomen der westlichen Gesellschaft, völlig unabhängig von kulturellen oder religiösen Differenzen.

Trotz des riesigen gesamtgesellschaftlichen Reichtums schaffen es die westlichen Gesellschaften immer weniger, den entgegen aller Dementis nach wie vor wachsenden Reichtum gerecht zu verteilen. Ein Beispiel: "Der Agrarausschuss des US- Repräsentantenhauses hat mit der Mehrheit der Republikaner beschlossen, die Verteilung von Lebensmittelmarken für Bedürftige einzuschränken. Von den Haushaltskürzungen sind schätzungsweise 300.000 Menschen betroffen. Auch sollen die Schulmahlzeiten für 40.000 Kinder aus armen Familien wegfallen. Die Entscheidung (...) fiel zusammen mit einem neuen Bericht der Regierung. Danach ist die Zahl der Menschen in den USA, die zumindest zeitweise hungern müssen, in den vergangenen fünf Jahren um sieben Millionen auf 38,2 Millionen gestiegen. Das sind 11,4 Prozent aller Haushalte." [3]

In einer der reichsten Nationen der Welt müssen also Millionen Menschen hungern. Amerikaner, keine Moslems! Klarer könnte man die Gräben, die zur Zeit in unseren Gesellschaften aufreißen, nicht sichtbar machen. Und die Politik verschlechtert die Lage noch, anstatt sie zu verbessern. Nicht nur in den USA. Zur sozialen Lage kommen noch die eklatanten Bildungslücken der nachwachsenden Generation hinzu. Das Textverständnis vieler Jugendlicher beschränkt sich heutzutage auf das SMS-Niveau, das Privatfernsehen ist ebenfalls kaum als Bildungseinrichtung zu bezeichnen. Pisa läßt grüßen. Dinge, die weit über den Gegensatz zwischen Orient und Okzident hinausgehen und die man demzufolge nicht allein darauf reduzieren darf. Sind das nicht vielmehr Zerfallserscheinungen einer Zivilisation?

Als ich vom Tod der Jugendlichen in Frankreich las, habe ich mir unwillkürlich eine Frage gestellt: Warum sind sie allein durch den Anblick der Polizei derart in Panik geraten? Mit einer Gesellschaft, in der so etwas geschieht, stimmt etwas nicht. Und soll ich Ihnen etwas verraten? Ich habe keine Antwort gefunden. Jedenfalls keine befriedigende. Es ist mir ein Rätsel. Doch vermutlich nicht nur mir. Trotzdem ist das (für uns) Unbegreifliche passiert. Ich ahne: Das Fehlen einer passenden Antwort ist ein Teil des Problems.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 05.11.2005
[2] Deutsche Welle vom 05.11.2005
[3] Frankfurter Rundschau vom 31.10.2005