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17. Dezember 2005, von Michael Schöfer
Danke, daß Sie vorgesorgt haben


Deutschland anno 2035, in der Filiale eines renommierten Geldinstituts:

Bankberater: "Ich wünsche Ihnen für Ihren bevorstehenden Ruhestand alles Gute, Herr Meier. Es war richtig, daß Sie frühzeitig für Ihren Ruhestand vorgesorgt haben. Die gesetzliche Rente hätte Ihnen ja, wie wir damals schon vorausgesehen haben, nicht ausgereicht. Noch besser war Ihre Entscheidung, mit der Altersvorsorge unser Haus beauftragt zu haben."

Herr Meier: "Vielen Dank, gerade wegen meiner Altersvorsorge bin ich heute zu Ihnen gekommen. Ich möchte nämlich meine Fondsanteile zurückgeben, da ich beabsichtige, demnächst eine Weltreise zu machen."

Bankberater: "Sie haben völlig recht, man soll den Lebensabend aktiv gestalten. Und Reisen bildet, wie man so schön sagt. Doch leider gibt es gegenwärtig bei dem von Ihnen seinerzeit ausgewählten Immobilienfonds einen klitzekleinen Liquiditätsengpaß. Weil momentan viele Kapitalanleger - Sie verstehen, die Rentnerschwemme - ihr angelegtes Vermögen versilbern, hat sich unser Haus kurzfristig dazu entschlossen, aufgrund des hohen Mittelabflusses den Immobilienfonds zu schließen und die Rücknahme der Fondsanteile auszusetzen. Sie sind schließlich nicht der einzige Ruheständler, der auf Reisen gehen will. Natürlich brauchen Sie sich um Ihr angelegtes Vermögen keine Sorgen zu machen, es ist bei uns nach wie vor in guten Händen."

Herr Meier: "...Ja...aber...ich wollte doch in vier Wochen eine Weltreise machen. Ich brauch' das Geld."

Bankberater: "Sie können auch eine Weltreise machen, seien Sie unbesorgt. Bloß nicht mit dem Geld, das in unserem Immobilienfonds steckt."

Herr Meier: "Aber genau darauf habe ich spekuliert."

Bankberater: "Sehen Sie, 'spekuliert' ist der passende Begriff. In unseren Prospekt, das wir Ihnen vor dreißig Jahren zu lesen gaben, stand im Kleingedruckten, daß die Auszahlung der Fondsanteile selbstverständlich von den Marktbedingungen abhängig ist, die zum Zeitpunkt der Rückgabe herrschen. Unsere Produkte waren also nie risikofrei. Wer hat Ihnen denn das eingeredet? Und wenn die Rentnerschwemme an ihr Vermögen will, sind das eben ganz ungünstige Marktbedingungen. Insbesondere bei Immobilien. Weniger Bürger = weniger Mieter = mehr Leerstand = weniger Rendite. Von der Änderung des demographischen Aufbaus der Bevölkerung sind wir genauso betroffen, wie alle anderen. Haben Sie wirklich etwas anderes erwartet? Doch wenn Sie zehn Jahre warten, hat sich die Situation vielleicht entspannt. Sollten Sie dann noch leben, statistisch betrachtet spricht ja zum Glück alles dafür, können Sie immer noch auf Reisen gehen."

Dieser fiktive Dialog ist nicht unwahrscheinlich, wenn es dereinst um die Rückgabe von Fondsanteilen geht. Die in einem Umlageverfahren organisierte gesetzliche Rente ist zweifellos von Änderungen des demographischen Aufbaus der Bevölkerung betroffen. Doch die auf dem Kapitaldeckungsverfahren basierende Privatrente ist ebenfalls nicht frei von Risiken. Es ist deshalb äußerst fraglich, ob man durch den allmählichen Wechsel vom Umlageverfahren hin zum Kapitaldeckungsverfahren wirklich etwas gewinnt. Das Umlageverfahren war in der Vergangenheit relativ krisenfest. Ob das für das Kapitaldeckungsverfahren genauso gilt, muß sich erst noch herausstellen.

Jedenfalls hat die Deutsche Bank (Werbespruch: Leistung aus Leidenschaft) gerade einen offenen Immobilienfonds geschlossen und verweigert die Rücknahme von Anteilen. [1] Die Immobilientochter der Deutschen Bank, DB Real Estate, bestätigte, daß Wertberichtigungen notwendig seien. Beim betroffenen Fonds "Grundbesitz-Invest" soll es in jüngster Zeit erhebliche Mittelabflüsse gegeben haben, im laufenden Jahr eine Milliarde Euro (bei einem Fondsvolumen von zuletzt sechs Milliarden). Von der Schließung seien gut 400.000 Anleger betroffen, heißt es.

Die Deutsche Bank hat angesichts der massiven Kritik rasch Unterstützung für die Anleger versprochen. "Privatanlegern, die in der jüngeren Vergangenheit in den Fonds investiert haben und durch die bevorstehende Neubewertung nun ein mögliches Risiko einer Wertminderung haben, wollen wir schnell und unbürokratisch helfen und einen fairen Wertausgleich schaffen", versprach Vorstandssprecher Josef Ackermann. [2] Was immer das konkret heißen mag.

Was hier passiert, kann sich jederzeit wiederholen. Und wenn Rentner nicht an ihr angespartes Vermögen kommen, weil die Rückgabe von Fondsanteilen ausgesetzt wurde, nutzt ihnen ihre frühzeitige Vorsorge überhaupt nichts. Ist das, was wir augenblicklich erleben, ein Menetekel für die Privatrente? Wir werden sehen. Zumindest hat dadurch die glänzende Fassade der privaten Altersvorsorge einige Kratzer abbekommen. Es wäre wünschenswert, den unter Umständen fatalen Kurs bei der Rentenversicherung schnell zu ändern. Die Lösung der Probleme kann m.E. nur in einer Verbreiterung der Beitragsbasis liegen. Wie in der Schweiz sollten sämtliche Bürger einzahlen. Zudem müßten Kapitaleinkünfte ebenso herangezogen werden, wie Erwerbseinkommen. Es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Aber auf diese Weise ist die Sicherheit wohl am größten. Über die Unsicherheit der Privatrente werden sich wohl noch viele wundern und heftig ärgern.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 15.12.2005
[2] Frankfurter Rundschau vom 16.12.2005