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01. Januar 2006, von Michael Schöfer
Sozialismus oder Tod


"Socialismo o muerte" - mit dieser Parole pflegt Fidel Castro, der Maximo Lider Kubas, seine schier endlosen Ansprachen zu beenden. Als einer der letzten Vertreter des Marxismus-Leninismus umgibt diesen politischen Dinosaurier auch hierzulande immer noch ein Hauch von Revolutionsromantik. Poster und T-Shirts seines legendären Kampfgenossen Ernesto Che Guevara erleben gegenwärtig sogar eine kleine Renaissance. Okay, der Kult ist überwiegend kommerzieller Natur. Denn ob die Kids, die Che Guevara im Zimmer an die Wand pinnen oder auf der Brust herumtragen, viel über die historischen Hintergründe dieses Revolutionärs wissen, ist fraglich. Aber immerhin, der Kult existiert. Hauptsache irgendwie links, Hauptsache gegen die ungeliebte USA. Das scheint schon auszureichen. Quasi die gefühlte Gerechtigkeit.

Natürlich war die Revolution gegen das Batista-Regime, das Castro Ende der fünfziger Jahre hinwegfegte, notwendig und richtig. Doch Menschen wie er sind gleichzeitig dafür verantwortlich, daß der im Grunde positive Begriff "Sozialismus" mittlerweile vollständig desavouiert ist. Von daher ist die Revolutionsromantik, die ihn nach wie vor umgibt, völlig unverständlich. Castro hat einerseits eine Diktatur beseitigt, andererseits praktisch im gleichen Atemzug seine eigene errichtet.

Oppositionelle in Castros Reich müssen nämlich für ihre Regimekritik mit jahrzehntelangen Haftstrafen rechnen, die Meinungsfreiheit ist auf der Zuckerinsel faktisch außer Kraft gesetzt. Schriftsteller und Journalisten leben in ständiger Angst vor Verhaftungen. Und wie die Volksrepublik China, Vietnam und Nordkorea will der Maximo Lider die totale Kontrolle über die Informationen ausüben, die seine Untertanen zu Gesicht bekommen sollen respektive verbreiten dürfen. So wird beispielsweise jeglicher Internetverkehr über zwei kubanische Zentralserver gelenkt und streng überwacht. Die Zensur ist rigoros. Meinungsfreiheit via Weblogs? Bei uns selbstverständlich, Kubaner können davon nur träumen.

Castros Glück ist die absolute Borniertheit der USA, die in ihrem Hinterhof eine geradezu hirnrissige politische Strategie verfolgen. Denn dort waren die Vereinigten Staaten schon von jeher blind gegenüber den berechtigten sozialen Belangen der Bevölkerung gewesen. Die eigenen Geschäftsinteressen hatten Vorrang. Organisationen, die daran etwas ändern wollten, wurde stets der Stempel des Kommunismus aufgedrückt, was die USA veranlaßte, als Gegengewicht die schlimmsten Militärdiktaturen zu unterstützen (z.B. in Chile).

Und seit George W. Bush internationales Recht mit Füßen tritt, haben die USA in Lateinamerika ohnehin jeglichen Kredit verspielt. Zu Recht, wie ich meine. Gleichwohl sind Regime, wie das von Castro, keine adäquate Antwort auf die verfehlte Politik der ungeliebten Hegemonialmacht. Die Idee des Sozialismus hat in meinen Augen etwas mit sozialer Gerechtigkeit und mit Freiheit zu tun. Selbst wenn man Castros Reich als ökonomisch gerecht bezeichnen könnte, was nicht zutrifft, wäre das immer noch keine Rechtfertigung für die praktizierte Unfreiheit. Daß Kuba unter den lateinamerikanischen Staaten bekanntermaßen das beste Gesundheitssystem besitzt, kann nicht über die Unterdrückung kritischer Geister hinwegtrösten. Vorbild Kuba? Nein, danke!

"Sozialismus oder Tod" erweist sich mithin als hohle Phrase. Solange sich Castro dieser völlig übertriebenen Dramatisierung bedient, glaubt er alle Diskussionen über das Wesen des kubanischen Sozialismus verhindern zu können. Gewissermaßen die militante Variante von "Dazu gibt es keine Alternative". Doch es gibt immer eine Alternative. Es gibt eine zu George W. Bush und eine zu Fidel Castro. Und da die Geschichte nie zu Ende ist, werden wir beides noch erleben.