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09. Januar 2007, von Michael Schöfer
Geheimdienst-Hintertür in Microsoft Vista?


Bundesinnenminister Schäuble möchte gerne "Online-Durchsuchungen von privaten Computern" per Gesetz erlauben, weil der Bundesgerichtshof damit bekanntlich gewisse Schwierigkeiten hat. Es handelt sich um einen schwerwiegenden Eingriff in das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, dem die notwendige gesetzliche Gestattung fehlt, urteilte der BGH kürzlich. Gegen die von Schäuble favorisierte unbemerkte Durchsuchung von privaten Computern mit Hilfe von sogenannten Trojanern hat sich u.a. der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar ausgesprochen: "Die Online-Durchsuchung sei nicht mit einer Hausdurchsuchung vergleichbar, so Schaar. Eine Hausdurchsuchung sei eine offene Maßnahme, bei der der Betroffene in der Regel anwesend ist. 'Bei einer Online-Durchsuchung aber dringt der Polizist heimlich, ohne Wissen des Computerbesitzers, in den Rechner ein und kopiert eventuell Daten. Ein Polizist ist dabei praktisch ein staatlicher Hacker', begründete Schaar seine Ablehnung. Staatliche Stellen können so an persönliche Unterlagen gelangen. 'Das widerspricht dem Schutz des Kernbereichs der Privatsphäre', unterstrich Schaar." [1]

Das unbemerkte Durchsuchen von PCs per Internet, ob geschäftlich oder privat, ist vielleicht schon gang und gäbe, und zwar weltweit. Das jedenfalls lässt eine Meldung der Washington Post vermuten, die National Security Agency (NSA) habe bei der Entwicklung von Windows Vista mitgeholfen. [2] "Gegenüber der Washington Post hat Microsoft erstmals die Zusammenarbeit mit der NSA eingeräumt. Allerdings machte der Konzern keine Angaben dazu, in welchem Bereich die NSA Einfluss auf die Entwicklung von Windows Vista hatte. (...) Nach NSA-Angaben habe der Geheimdienst bei den Schutzmechanismen in Windows Vista geholfen, um Viren, Würmer, Trojanische Pferde und andere Schädlinge fernzuhalten. Microsoft selbst wollte sich nicht dazu äußern, wie die Hilfe der NSA aussah. Bereits bei der Entwicklung von Windows XP und Windows Server 2003 soll die NSA bei den Sicherheitsfunktionen des Betriebssystems geholfen haben, teilte Microsoft mit. Zudem gab Redmond bekannt, auch mit anderen Behörden wie der NATO eng zusammen gearbeitet zu haben", schreibt Golem.

Die NSA "gilt als der größte und wahrscheinlich finanziell am besten ausgestattete Nachrichtendienst der Welt. Sie ist für die weltweite Überwachung und Entschlüsselung von elektronischer Kommunikation zuständig" und betreibt beispielsweise das globale Spionagenetz "Echelon", das "einen Großteil des ausländischen - und wohl auch inländischen - Kommunikationsverkehrs (u.a. E-Mails, Faxe und Telefongespräche) abhört und mittels neuester Technologien auf bestimmte Schlüsselbegriffe und Stimmprofile überprüft". [3]

Nun kann man der NSA blauäugig glauben, sie habe bei der Mitarbeit an Vista lediglich den Schutz vor Viren, Würmern, Trojanischen Pferden und anderen Schädlingen im Auge gehabt. Sasser & Co. machen uns Computer-Nutzern in der Tat das Leben äußerst schwer, da ist jede Hilfe recht. Wirklich jede Hilfe? Man darf bei einem Geheimdienst, der sich hauptsächlich mit der Überwachung und Entschlüsselung von elektronischer Kommunikation beschäftigt, durchaus Zweifel an dessen Beteuerung anmelden, bei Vista bloß die Sicherheit erhöht zu haben. Hat Windows Vista etwa eine eingebaute Hintertür bekommen, durch die die NSA unbemerkt in damit betriebene Computer eindringen kann?

Im Gegensatz zu Open-Source-Software wie Linux hat Microsoft schließlich nie den Quellcode seiner Betriebssysteme veröffentlicht. Ob sich in Vista oder anderen Betriebssystemen aus Redmond tatsächlich eine für die NSA nutzbare Hintertür verbirgt, kann man deshalb kaum nachprüfen. Gerüchte darüber gibt es schon seit längerem, belegt wurden diese allerdings noch nie. 50 Mio. Codezeilen bieten ausreichend Platz für unliebsame Überraschungen, schrieb "Der Standard" über Windows Vista und meinte die darin verborgenen Fehler. [4] Die unliebsamste Überraschung könnte freilich kein ungewollter Fehler sein, sondern ein absichtlich implementiertes Feature, das im Verborgenen tadellos funktioniert - die NSA-Backdoor.

Über Schäubles Ansinnen, unbemerkt Computer auszuspionieren, kann die NSA womöglich nur müde lächeln, weil sie bereits einen viel eleganteren Weg gefunden hat, sich die gewünschten Informationen zugänglich zu machen: via Microsoft direkt an der Quelle, beim von fast allen Usern verwendeten Betriebssystem. Ein Grund mehr, demnächst auf Linux umzusteigen? Zugegeben, die NSA ist momentan nicht meine größte Sorge. Viel mehr fürchte ich kriminelle Elemente, die meine Bankdaten ausspähen und das Konto leerräumen könnten. Dennoch widerspricht die totale staatliche Überwachung meinem Demokratieverständnis. Wenn der Staat alles über uns in Erfahrung bringen kann, würden wir uns dann noch unbefangen verhalten? Wohl kaum.

Es geht gar nicht um kriminelle Handlungen, vielmehr um den "Kernbereich privater Lebensgestaltung", den das Bundesverfassungsgericht zuletzt in seinem Urteil in Bezug auf die Telefonüberwachung als besonders schützenswert bezeichnet hat. Misstrauen ist außerdem generell dann angebracht, wenn sich jemand unbemerkt Zugang verschafft. Man kann dann nämlich nicht nur alles lesen, sondern logischerweise genauso alles hinzufügen. Diskreditierung von "unliebsamen Elementen" durch gezielte Platzierung von "Beweisen" auf der heimischen Festplatte? Was ein bisschen nach Verschwörungstheorie klingt, ist in Zeiten, in denen fundamentale Rechtsgrundsätze unter Hinweis auf die Terrorbekämpfung zur Disposition stehen, nicht von vornherein völlig absurd.

Die Erfahrung zeigt, dass Missbrauch - durch wen auch immer - geschieht, wenn man ihn potentiell ermöglicht. Nicht von ungefähr beruht die Demokratie auf einem System gegenseitiger Kontrolle. Das ist das, was die Amerikaner "checks and balances" nennen. Und damit ist keineswegs die Kontrolle des Bürgers durch den Staat gemeint. Die Rechte der staatlichen Institutionen auf Kosten der Bürgerrechte übermäßig auszuweiten, ist gleichbedeutend mit der Zerstörung dieses Gleichgewichts. Und was dann folgt, kann man sich denken. Nichts Gutes.

PS: Hinweis für die NSA. Falls Sie es noch nicht wissen, dieser Artikel ist auf meiner Festplatte in Laufwerk C: im Ordner Homepage/Artikel/Aktuelles gespeichert.

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[1] Berliner Zeitung vom 14.12.2006
[2] Golem und Washington Post vom 09.01.2007
[3] Wikipedia, National Security Agency
[4] Der Standard vom 20.09.2007