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22. Mai 2007, von Michael Schöfer
Echte Kerle


Ex-Radprofi Bert Dietz, früher beschäftigt beim Team Telekom, hat jetzt die Anwendung von Doping zugegeben. Dass Doping im Radsport eine große Rolle spielt, ist hinreichend bekannt. So soll auch Deutschlands erfolgreichster Radprofi, Jan Ullrich, der Toursieger von 1997, gedopt haben, was dieser allerdings nach wie vor hartnäckig bestreitet. Mich hat ehrlich gesagt schon immer gewundert, wie Radrennfahrer einen der schwersten Anstiege der Tour de France, den nach L'Alpe d'Huez (Länge 13,9 km, Höhenunterschied 1.110 Meter, durchschnittliche Steigung 8,0 Prozent, in der Spitze sogar bis zu 12 Prozent), in einer Zeit bewältigen können, die ich nicht einmal mit dem Mofa erreichen würde. Der Streckenrekord von Marco Pantani aus dem Jahr 1997 liegt bei 37 Minuten und 35 Sekunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sagenhaften 22,2 Stundenkilometern entspricht. [1] Echte Kerle eben.

Der spektakulärste Doping-Fall der Sportgeschichte war wohl der von Ben Johnson. 1988 gewann der kanadische Leichtathlet bei den Olympischen Spielen das 100m-Finale in der Fabelweltrekordzeit von 9,79 Sekunden - leider hatten dabei ein paar Steroide nachgeholfen. Doch nicht nur im Sport wird gedopt, sondern auch in Hollywood. Der Schauspieler Sylvester Stallone (Rambo, Rocky) wurde soeben von einem Gericht in Sydney zu einer Geldstrafe verurteilt, weil Zöllner in seinem Gepäck Wachstumshormone fanden. "Der 60-Jährige hatte nach eigener Aussage 48 Ampullen des Muskelaufbaupräparats Jintropin sowie Testosteron nach Australien mitgebracht. Er nehme die Mittel seit Jahren unter medizinischer Aufsicht ein", sagte der Filmstar. [2]

Echte Kerle, aber was steckt dahinter? Lug und Trug! Nehmen wir etwa Stallone, der nicht nur hierzulande viele, vorwiegend junge Menschen in die Muckibuden trieb. So muskulös wie Rambo oder Rocky wollten sie sein, versprachen doch Muskelpakete Anerkennung und Erfolg bei der holden Weiblichkeit. Da man allerdings derartige Muskelpakete kaum mit normalem Training aufbauen kann, nehmen etliche Freizeitsportler Präparate. Wie eine Studie aus dem Jahr 2000 ergab, "schlucken rund 19 Prozent aller Fitness-Studio-Besucher Anabolika. (...) Sollten die Zahlen auch nur zur Hälfte stimmen, ist bei derzeit 3,5 Millionen registrierten Sportlern in Fitness-Studios von 350.000 Anabolika-Konsumenten in Deutschland auszugehen. (...) Die Wissenschaftler hatten in Deutschland über zwei Jahre insgesamt 454 Frauen und Männer in 58 kommerziellen Sportstudios zu Dopingmitteln befragt. 22 Prozent der Männer und acht Prozent der Frauen gaben zu, anabolwirkende Substanzen zu nehmen." [3] Anabolika haben natürlich Nebenwirkungen, u.a. können sie zu Impotenz führen. Dann hat man zwar jede Menge Muckis und vielleicht Erfolg bei den Frauen, kann ihn aber bedauerlicherweise nicht mehr nutzen. Die Rache der Natur ist zuweilen äußerst grausam.

Der Trend zu künstlicher Nachhilfe ist populär und selbstverständlich nicht bloß auf das vermeintlich starke Geschlecht beschränkt. Schauspielerinnen beispielsweise, die keine mit Hyaluronsäure aufgespritzten Lippen, keinen Silikon-Busen oder keine mit Botulinumtoxin - einem Nervengift - behandelte Gesichtshaut vorweisen können, haben es heutzutage in der Filmindustrie ziemlich schwer. Ich frage mich: Was ist das für eine Gesellschaft, die solche Vorbilder hat? Betrug gab es ja schon immer, aber dieses Ausmaß ist doch erschreckend.

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[1] Blick-Online vom 17.07.2006
[2] Frankfurter Rundschau vom 22.05.2007
[3] dopingnews.de