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02. Juni 2007, von Michael Schöfer
Ausschreitungen in Rostock - Befürchtungen werden wahr


"Eine andere Welt ist möglich", war das Motto der Globalisierungskritiker bei der Demo in Rostock. Auch wenn von den 80.000 Teilnehmern (laut Polizeiangaben 25.000) die meisten sicherlich friedliche Absichten hegten, 2.000 gewalttätige Autonome können, wie man sieht, jedes noch so hehre Ziel leicht diskreditieren. "Fast 150 Polizisten wurden dabei teils schwer verletzt. Die Demonstranten zündeten ein Auto an und errichteten Strassenbarrikaden (...) Ein Demonstrant griff einen Polizisten mit einem Messer an und verletzte ihn. Farbbeutel, Flaschen und Steine flogen auf Polizisten. Mehrere Scheiben gingen zu Bruch, Parkscheinautomaten wurden zerstört. (...) 'Die Autonomen schlagen alles kurz und klein, was sich ihnen in den Weg stellt', sagte ein Polizeisprecher. Schwarzer Rauch zog durch die Strassen. Die Polizei versuchte mit Tränengas und Wasserwerfern, die Demonstranten in Schach zu halten. Auf beiden Seiten gab es laut Polizei mehrere teils Schwerverletzte. 18 Polizisten wurden den Angaben zufolge so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten", berichtet die renommierte Neue Zürcher Zeitung.

Kann man eigentlich noch dümmer sein? Die Aufmerksamkeit der Medien wäre den Demonstranten schließlich auch ohne Krawalle sicher gewesen. Im Gegenteil, eine absolut friedliche Kundgebung hätte für Heiligendamm sogar positive Zeichen gesetzt. Doch nun werden sich viele friedliebende Menschen zweimal überlegen, ob sie sich an den Kundgebungen am Gipfelort beteiligen. "Globalisierungskritiker = Krawallmacher", das Blatt mit den großen Buchstaben wird der Öffentlichkeit diese undifferenzierte Gleichung schon unterzujubeln wissen, darin hat es ja Erfahrung. Und Wolfgang Schäuble wird sich gewiss ins Fäustchen lachen. Sollten Autonome überhaupt an echter Globalisierungskritik interessiert sein, haben sie sich mit den Ausschreitungen in Rostock zweifellos einen Bärendienst erwiesen. Oder glauben Autonome tatsächlich, mit Gewalt wäre - außer Abwehrreflexen in der Bevölkerung - irgendetwas zu bewirken? Aber vielleicht erwartet man da von ihnen einfach zu viel, Vernunft ist bekanntlich nicht jedem gegeben.

"Eine andere Welt ist möglich", dieses Motto gilt nach wie vor. Die Ziele der Globalisierungskritiker werden zwar durch den "schwarzen Block" in Verruf gebracht, sind freilich weiterhin gültig. Der Reichtum dieser Welt ist krass ungleich verteilt, unsere Art zu wirtschaften zerstört die gesamte Ökosphäre, viele Anti-Terror-Maßnahmen gefährden den Rechtsstaat und damit die Demokratie, Kriege um Rohstoffe sind mittlerweile fast die Regel, die Ausbeutung von Millionen Menschen schreit geradezu zum Himmel, während eine Minderheit von Superreichen immer vermögender wird. Einerseits werden durch diverse Freihandelsabkommen die Interessen der Wirtschaft aufs beste bedient, andererseits bleiben dabei die Interessen der Bevölkerung auf der Strecke. Auf soziale Mindeststandards, heißt es stets, könne man sich eben nicht einigen. Die Welt zerfasert. Sich gegen all das (friedlich) zu engagieren, die Menschen mit Argumenten (und nicht mit Molotow-Cocktails) zu überzeugen, ist und bleibt richtig. Daran ändern die Krawalle nicht das Geringste. Zum Glück.

Gleichwohl wird sich die Öffentlichkeit zu Recht fragen, ob eine andere Welt wirklich möglich ist. Die Globalisierungskritiker haben seit langem Alternativkonzepte entwickelt, etwa eine Devisentransaktionssteuer (Tobin-Tax), eine Ticketabgabe auf Flugreisen oder die massive Förderung von regenerativen Energiearten. Steinwürfe gehören jedenfalls nicht dazu. Außerdem sind Krawalle rein destruktiv - sie zerstören, bauen hingegen nichts auf. Die Bevölkerungsmehrheit wird niemals einer Gruppierung folgen, die Mauern bloß niederreißt, ohne gleichzeitig etwas Konstruktives aufzubauen. Schon allein aus diesem Grund stießen die Terroristen der siebziger Jahre (RAF, Bewegung 2. Juni, Revolutionäre Zellen, Rote Zora) auf einhellige Ablehnung. Von ihrem kriminellen Handeln abgesehen, war der Bevölkerung nämlich immer völlig schleierhaft, was die Terroristen anstatt des von ihnen verunglimpfen "imperialistischen Schweinesystems" eigentlich wollten. Etwa Deutschland von einem Typ wie Andreas Baader regiert zu sehen? Für die meisten ein Albtraum ohnegleichen. Daraus, aus dem Scheitern von RAF & Co., haben die Autonomen offenbar keinerlei Konsequenzen gezogen. Gesellschaftsanalyse? Fehlanzeige! Früher gab es dafür in der Schule ein Ungenügend.

Am 10. Oktober 1981 demonstrierten im Bonner Hofgarten mehr als 300.000 Menschen gegen Atomwaffen, und am 10. Juni 1982 waren es dann 500.000 - seinerzeit die größte Demo in der Geschichte der Bundesrepublik. Beide Male ging es gegen die Nato-Nachrüstung. Die Demos verliefen absolut friedlich, hatten sogar gewissermaßen Volksfestcharakter. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass Anwohner am 10.06.1982, einem brütend heißen Tag, die Demonstranten mit Wasserschläuchen abspritzten. Das war keineswegs bösartig gemeint, sondern vielmehr als - von den Demonstranten höchst willkommene - Hilfe gegen die Hitze gedacht. Die Sympathien der Bonner waren damals auf unserer Seite. Zugegeben, das hat die Aufstellung der Mittelstreckenraketen nicht verhindert. Aber im Bewusstsein der Bevölkerung haben wir viel erreicht. Krawalle, die wir ohnehin nicht beabsichtigten, wären unzweifelhaft kontraproduktiv gewesen, wir hätten uns damit bestimmt sämtliche Sympathien verscherzt. So stelle ich mir heute Globalisierungskritik vor.

Eine andere Welt ist nur möglich, wenn sie von großen Teilen der Bevölkerung herbeigesehnt wird. Gewalt und Anarchie sehnt allerdings, von den Autonomen einmal abgesehen, niemand herbei. Ohne die verkrusteten Strukturen unserer Gesellschaft und deren - auf Kapitalkraft beruhenden - Machtmechanismen zu verkennen, gilt: In einer Demokratie ist Gewaltanwendung nicht nur kontraproduktiv, sondern darüber hinaus unstatthaft. Davon bin ich fest überzeugt. Regeln gelten prinzipiell für alle. Und ich kann mir keine Gesellschaft vorstellen, in der es einer Gruppe erlaubt ist, Gewalt anzuwenden. Aus welchen Gründen auch immer. Selbst wenn ich hier wenig Gehör finden sollte, kann ich nur an alle appellieren, in Heiligendamm keinerlei Krawalle zu inszenieren. Die Anti-G8-Gipfel-Demos werden nur dann Erfolg haben, wenn sie friedlich verlaufen. Vom Sterne werfen profitiert lediglich das Establishment.

Wir schreiben heute den 2. Juni. Vor vierzig Jahren wurde in Berlin der Student Benno Ohnesorg von Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras erschossen. Angeblich ein Unglücksfall. Der Schriftsteller Uwe Timm, damals mit Ohnesorg befreundet, beschreibt ihn als zurückhaltenden, introvertierten Typ, "der an Literatur und an Kunst interessiert war und sich politisch strikt heraushielt. Der scheue 26-Jährige studiert Germanistik und schreibt in seiner Freizeit Gedichte. Sie sind inspiriert von Vergil, sein Lieblingssatz lautet: 'Auch die Dinge haben Tränen.' So lange ich ihn persönlich kannte, war Politik nicht seine Sache", erinnert sich Timm. [1] Ausgerechnet heute inszenieren Autonome Krawalle. Ob Benno Ohnesorg das gebilligt hätte, ist fraglich. "Auch Dinge haben Tränen." Ein sanfter, nachdenklicher, geradezu einfühlsamer Satz. Ich dagegen empfinde Wut. Wut auf diejenigen, die glauben, mit dem ewigen Drehen an der Gewaltspirale ließe sich tatsächlich etwas ändern. Gibt es nicht schon genug Opfer? Eine andere Welt kann nur friedlicher sein. Und eine solche ist sicherlich nicht mit unfriedlichen Mitteln zu erreichen.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 02.06.2007

Nachtrag (03.06.2007):
"Bei den Krawallen am Rande der Anti-G8-Proteste in Rostock haben 30 Polizisten schwere und schwerste Verletzungen erlitten. Insgesamt wurden 433 Beamte verletzt. 30 Polizisten würden wegen teils offener Brüche an Arm und Fuß und wegen Platzwunden in Krankenhäusern behandelt, sagte ein Sprecher der Sonderpolizeibehörde Kavala. Unter den 433 verletzten Beamten seien auch zahlreiche Frauen. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac verurteilte die Gewalt seitens der Demonstranten, machte aber auch der Polizei Vorwürfe. (...) Attac erklärte, Anlass für die Eskalation nach Ende der Demonstration sei der Angriff einer kleinen Gruppe von Demonstranten auf einen am Kundgebungsplatz geparkten Polizeiwagen gewesen. Dabei seien offenbar zwei Polizisten verletzt worden. Danach sei die Situation eskaliert."

[2] Die Zeit vom 03.06.2007

Nachtrag (09.06.2007):
In Bezug auf die tatsächliche Anzahl an verletzten Polizeibeamten sind Meldungen im Umlauf, die Polizei habe bei ihren Angaben maßlos übertrieben. Spiegel-Online klärt darüber auf, wie es zu den unterschiedlichen Angaben kam.
Des Weiteren musste die Polizei zugeben, bei der Demo mindestens einen Zivilpolizisten im Einsatz gehabt zu haben, der als Autonomer getarnt war. Nach Zeugenaussagen soll dieser andere Demonstrationsteilnehmer zu Steinwürfen aufgefordert haben. Allerdings bleibt die Polizei bei der Darstellung, "dass es sich bei dem Beamten nicht um einen 'Agent provocateur', der zur Gewalt aufstachelte, gehandelt habe. (...) Behauptungen, der Zivilbeamte habe den Auftrag gehabt, andere Blockadeteilnehmer zur Begehung von Straftaten und Störungen anzustiften, entbehrten jeglicher Grundlage. Die einzige Aufgabe des Beamten habe darin bestanden, Informationen über die Planung und Begehung von Straftaten und Störungen zu erheben. 'Der Einsatz solcher zivilen Kräfte ist Bestandteil der Deeskalationsstrategie und dient ausschließlich der beweiskräftigen Feststellung von Gewalttätern', hieß es."

[3] Spiegel-Online vom 08.06.2007