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05. Juli 2007, von Michael Schöfer
Zwei Wochen Urlaub


Ruhe und etwas Abstand braucht jeder, deshalb habe ich in den vergangenen zwei Wochen auf Formentera Urlaub gemacht - ohne Internet, ohne Zeitung und fast ohne Fernsehen. Nur die Tagesthemen der ARD und zuweilen die Nachrichten von BBC World habe ich mir gegönnt, schließlich will man ja trotzdem einigermaßen auf dem Laufenden bleiben. Der erste Tag nach dem Urlaub ist dann der Lektüre der in dieser Zeit aufgelaufenen Ausgaben der Frankfurter Rundschau gewidmet.

Was war während des Aufenthalts in Spanien der stärkste Eindruck, den die Tagesthemen bei mir hinterließen? Nun, im Grunde das, was bei ihnen fehlte:

Am 30. Juni rasten Terroristen mit einem Auto in das Flughafen-Terminal von Glasgow und setzten es in Brand, kurz zuvor wurden in London zwei Autobombenanschläge vereitelt. Selbstverständlich war das sowohl bei den Tagesthemen als auch bei BBC World Gegenstand intensiver Berichterstattung.

Am gleichen Tag kamen in Afghanistan bei einem Luftangriff der ISAF (International Security Assistance Force, deutsch: Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe) mehr als 30 afghanische Zivilisten ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder. Die Tagesthemen berichteten darüber allerdings nur kurz im Nachrichtenblock, BBC World hingegen waren die verheerenden Folgen des Angriffs eine deutlich umfangreichere Berichterstattung wert. Bei der BBC sah man Bilder, die die ARD ihren Zuschauern teilweise vorenthielt. Vielleicht weil grausam verstümmelte Kinder bei der Tagesthemen-Redaktion als nicht veröffentlichungswürdig gelten. Sind deutsche Zuschauer etwa sensibler?

Logischerweise wurde über die Anschläge von London bzw. Glasgow ausführlich berichtet, inklusive den bekannten Kurzinterviews der Frau respektive des Mannes auf der Straße. Dadurch werden solche Ereignisse in den Medien gewissermaßen personalisiert, der Zuschauer daheim auf der Couch soll sich in die Situation potenzieller Opfer hineinversetzen können. Das erzeugt Betroffenheit. Ganz anders jedoch die Berichterstattung über Afghanistan, zumindest in der ARD. Hier erschienen die Opfer gewissermaßen als "Kollateralschaden". Passiert eben. Schlimm, aber was soll's, schließlich ist Krieg.

Mir drängt sich die Frage auf: Sind Afghanen weniger wert als Londoner? Hält man die dortigen Opfer quasi für unvermeidlich, während man sich über westliche Opfer heftig aufregt? Afghanen sehen das gewiss völlig anders. Kann es sein, dass sie derartige Angriffe der ISAF ebenfalls als Terrorakte empfinden? Bitte nicht missverstehen, das soll die Anschläge von al-Qaida (oder von wem auch immer) in keinster Weise entschuldigen, gleichwohl muss einmal auf die unterschiedliche Akzentuierung auf der medialen Betroffenheitsskala hingewiesen werden.

Terroristen haben keine Luftwaffe, von daher besteht also zum Glück keine Gefahr, ihre Kampfmittel sind meist heimtückische Bombenanschläge. Aber ist es deshalb gerechtfertigt, das eine, die Bombenanschläge, als Terrorismus zu verurteilen, das andere, die "Kollateralschäden", dagegen als unabwendbar im Kampf für eine gerechte Sache darzustellen? Jedes zivile Opfer ist eines zuviel, doch das gilt meiner Meinung nach für beide Seiten. Wir sollten uns darüber hinaus fragen, ob wir mit einer solchen Strategie nicht mehr Terroristen züchten als ausschalten.

Schade, dass sich die deutschen Fernsehzuschauer darüber wegen der lückenhaften Berichterstattung weniger gut informieren können. Möglichst umfassende Informationen sind zur Beurteilung von Sachverhalten unerlässlich, gerade in Bezug auf kriegerische Konflikte. Andernfalls könnte es nämlich passieren, dass wir uns noch wundern, welche Folgen es zeitigt, wenn "Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird" (Peter Struck). Wir beschäftigen uns zu wenig damit, wie andere uns sehen und welche Motive sie haben könnten. Die Methoden anderer werden zwar bereitwillig verurteilt, über die eigenen machen wir uns demgegenüber kaum Gedanken.

Es geht mir weder darum, den Terrorismus fatalistisch hinzunehmen oder ihn gar zu rechtfertigen. Es geht mir vielmehr darum, das Nachdenken darüber anzuregen, warum es ihn überhaupt gibt und warum er offenbar keinerlei Probleme hat, immer wieder Nachwuchs zu rekrutieren. Mit anderen Worten: Der Terror ist lediglich das Symptom, viel wichtiger sind die Ursachen. Aufklärungsarbeit, der hierzulande gerade die öffentlich-rechtlichen Sender nachzukommen hätten.