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15. August 2007, von Michael Schöfer
Mut zur Wahrheit


Utz Claassen, der scheidende Chef des Energieversorgers EnBW, fordert mehr "Mut zur Wahrheit". So lautet zumindest der Titel seines Buches. Untertitel: "Wie wir Deutschland sanieren können." Darin erklärt er Deutschland unverblümt zum "Sanierungsfall". "Wir leben als Gesellschaft schon seit langem über unsere Verhältnisse", heißt es im Klappentext. [1] "Jeder Euro für vermeidbare Transferleistungen fehlt für Investitionen in die Zukunft. Auf Dauer produziert man damit mehr Ungleichheit, nicht weniger. Der ganze Umverteilungsapparat verschlingt Unmengen an Geld. Im Grunde genommen sollten sehr wohl Versorgungsbedürftige, nicht jedoch alle Versorgungsfähigen vom Staat Geld bekommen. Dann könnten wir mehr für Forschung, Ausbildung und Entwicklung ausgeben", sagt er erläuternd in einem Interview und prophezeit: "Wir werden unseren Lebensstandard so kaum halten: mit den höchsten Löhnen, den kürzesten Arbeitszeiten, den längsten Ferien und einer der niedrigsten Geburtenraten." [2] Wie gehabt: Verhaften Sie den üblichen Verdächtigen - unseren Sozialstaat.

Doch wer lebt eigentlich hierzulande über seine Verhältnisse? Utz Claassen sicherlich nicht. Oder doch? 3,2 Mio. Euro hat er 2006 laut Finanzbericht der EnBW bezogen. [3] Nach anderen Quellen sollen es 2004 sogar 4,17 Mio. gewesen sein. "Er bezog damit mehr als der Vorstandsvorsitzende der RWE (ca. 4 Mio. Euro) und E.ON (ca. 3,1 Mio. Euro), obwohl die EnBW nach Umsatz und Ertrag vier- bis fünfmal kleiner ist." [4] Entspricht das dem Leistungsgedanken? Wohl kaum.

Aber es kommt noch besser: Der 44-Jährige soll nach einem Bericht des Handelsblatts unmittelbar nach seinem Ausscheiden bei EnBW Versorgungsbezüge in Höhe von knapp 400.000 Euro pro Jahr beziehen. "Sollte Claassen eine neue Tätigkeit beginnen, würde sein Gehalt zwar angerechnet. Andernfalls könnte er jedoch bis zum Erreichen der Altersgrenze von 63 Jahren Übergangsgeld erhalten. Die EnBW würde Claassen demnach bis 2026 noch einmal rund sieben Mill. Euro zahlen, nachdem er von 2003 bis 2007 schon mehr als zwölf Mill. Euro als normale Vorstandsvergütung erhielt. Nach 2026 bekommt Claassen dann eine EnBW-Rente, die genau so hoch ist wie sein Übergangsgeld." [5]

Welche neoliberalen Stichworte fallen mir dazu ein? Besitzstandswahrer, Vollkaskomentalität und Anspruchsdenken. Die Therapie vom vermeintlich "völlig überzogenen Sozialstaat" setzt allerdings stets bei den anderen an, nie bei den gut betuchten und bestens abgesicherten "Therapeuten". Mit anderen Worten: Sollte der Bericht des Handelsblatts wirklich stimmen, käme damit abermals ein Fall von extremer Heuchelei an die Öffentlichkeit. Es ist wie immer: Den anderen Wasser predigen, aber selbst Wein saufen.

Utz Claassen und Hartmut Mehdorn, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, können sich die Hand reichen. Letzterer bezeichnete etwa die Forderungen der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) als "irrwitzig". [6] Typisch, denn Mehdorn, der angeblich ein Jahresgehalt von 3,18 Mio. Euro bezieht (ungefähr das 114-Fache eines Lokführers) [7], geißelt bloß das "Anspruchsdenken" der Gegenseite. Er unterschlägt dabei, dass die Gesamtbezüge des Vorstands der "Deutsche Bahn AG" seit 1999, als Mehdorn den Vorstandsvorsitz übernahm, von insgesamt 3,679 Mio. auf 20,143 Mio. im Jahr 2006 gestiegen sind. Das ist eine Steigerung um (irrwitzige?) 447 Prozent. [8]

Kein Wunder, wenn viele diese "hohen Herren" inzwischen einfach nur satt haben. Mut zur Wahrheit? Unbedingt! Die Wahrheit ist aber, der Staat wird nicht von der Mehrheit ausgeplündert. Es ist eine kleine Minderheit, die sich ungeniert selbst bedient. Deutschland ein Sanierungsfall? Gewiss! Doch es bleibt die drängende Frage: Wer saniert uns von solchen Managern?

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[1] DeutschesFachbuch.de
[2] Der Tagesspiegel vom 21.03.2007
[3] EnBW, Finanzbericht 2006, Seite 31, PDF-Datei mit 1,7 MB
[4] Wikipedia, Utz Claassen
[5] Handelsblatt vom 15.08.2007
[6] Die Welt vom 03.07.2007
[7] Spiegel-Online vom 28.03.2007
[8] Geschäftsbericht 1999, Seite 104, PDF-Datei mit 1,65 MB, und Geschäftsbericht 2006, Teil 7, Seite 193, PDF-Datei mit 627 kb