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20. März 2007, von Michael Schöfer
Selbstbeweihräucherung?


"Der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für Fernsehjournalismus geht in diesem Jahr an die 'Tagesthemen'-Moderatorin Anne Will. Die 41-Jährige erhalte die Auszeichnung 'für ihre unabhängige Haltung und ihre unaufgeregte, aber stets kompetente Präsentation der Ereignisse des Tages', teilte das ARD-Hauptstadtstudio am Montag mit. Mit dem Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis werden Fernsehjournalisten für ihre kreative, kritische und unabhängige Arbeit ausgezeichnet. Er ist mit 5.000 Euro dotiert", meldete die Netzeitung gestern.

Alles schön und gut, ich möchte die Kompetenz von Anne Will, die ja demnächst Nachfolgerin von Sabine Christiansen werden soll, keinesfalls anzweifeln. Doch hat mich die Frage interessiert, an wen der Preis bislang ging und wer ihn überhaupt vergibt. Wie man sieht, meist - mit wenigen Ausnahmen - sind die Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender unter sich.

Und wer sitzt in der Jury? Auffallend auch hier, überwiegend sind es Persönlichkeiten, die mit den öffentlich-rechtlichen Sendern verbunden waren bzw. sind. Ist es vor diesem Hintergrund verwunderlich, wenn vorrangig Journalisten der öffentlich-rechtlichen Sender den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis erhalten? Es ist beileibe nicht so, dass ich die Privatsender bevorzuge, denn deren Programm hat in meinen Augen ein deutlich niedrigeres Niveau. Aber beim Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis hat es den Anschein, als sei er ein Preis des öffentlich-rechtlichen Fernsehens für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Folglich kommt einem hierbei leicht das böse Wort "Selbstbeweihräucherung" in den Sinn.

Übrigens: Der "Deutsche Fernsehpreis" wurde gemeinsam von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gestiftet, hier ist die Verteilung der Preisträger etwas ausgewogener. Logisch, schließlich sind die öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr unter sich. Ob ein Preis, der ausschließlich von Sendern des Privatfernsehens vergeben würde, überwiegend an Journalisten des Privatfunks ging? Das ist anzunehmen, insofern sind derartige Preise mit Vorsicht zu genießen.