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01. Juni 2007, von Michael Schöfer
Gefährliche Worte


Journalisten sind gefährliche Menschen, deshalb werden sie in vielen Ländern verhaftet oder gar getötet. Die Regierungen wissen nämlich: Worte können verletzen. Wer lässt sich schon gern in die Karten schauen, etwa wenn es um dunkle Geschäfte geht. Da ist Verschleierung erste Bürger-, Pardon, Herrscherpflicht. Notfalls eben mit Brachialgewalt. Okay, Deutschland ist keine Bananenrepublik, doch immerhin Ausrichter des G8-Gipfels. Sicherheit hat daher höchste Priorität. Dass jeder, der Zugang zum Tagungsort hat, nach Waffen durchsucht wird, versteht sich von selbst. Aber es gibt Waffen, die man gar nicht entdecken kann, weil sie bloß in den Köpfen der Menschen existieren. Zum Beispiel bei Journalisten.

Journalisten schreiben manchmal schlimme Dinge - jedenfalls aus der Sicht des Establishments. Und auf Pressekonferenzen stellen sie zuweilen bissige Fragen. Nicht auszudenken, George W. Bush oder Wladimir Putin wären in Heiligendamm mit solchen, schwere Bisswunden hinterlassenden Fragen konfrontiert. Aus diesem Grund hat man auf "Empfehlung" des Bundeskriminalamts mehreren, offenbar besonders bissigen Journalisten, darunter Redakteure der taz, in Heiligendamm die Akkreditierung verweigert. [1] Gründe nannte das BKA nicht, jedenfalls nicht gegenüber der Öffentlichkeit. Aber irgend etwas Gefährliches wird den Pressefritzen schon anhaften, würde das BKA sonst intervenieren?

Stellen Sie sich vor, Sie möchten in den Urlaub fliegen. Doch am Flughafen des Urlaubslandes verweigert man Ihnen ohne Begründung die Einreise. Irgendwo schlummern "Erkenntnisse" über Sie, die Sie weder gesagt bekommen noch auf Richtigkeit überprüfen dürfen. Das glauben Sie nicht? "Cat Stevens, der ehemalige britische Popstar, der Ende der 70er Jahre zum Islam übergetreten ist und den Namen Yusuf Islam angenommen hat, hat bei seiner Flugreise von London nach Washington für Unruhe gesorgt. Da er auf der Liste für verdächtige Terroristen stand, wurde ihm die Reise in die USA aus Sicherheitsgründen verwehrt." [2] Cat Stevens würde für Heiligendamm wohl auch keine Akkreditierung bekommen. Merke: Nicht nur Journalisten sind extrem gefährlich, sondern auch Sänger. Kafka feiert fröhliche Urständ.

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[1] Süddeutsche vom 31.05.2007
[2] Telepolis vom 22.09.2004


Nachtrag (01.06.2007):
Eine Anfrage der "tageszeitung" beim BKA hat ergeben, "dass es von dort gar keine Einwände gab. Vielmehr habe das Bundesamt für Verfassungsschutz (BafV) diese erhoben. (...) Die Hintergründe der ursprünglichen Weigerung, [den taz-Redakteur Felix] Lee zuzulassen, sind nach wie vor unklar. Die Verfassungsschützer teilten ihm mit, er könne schriftlich beim Datenschutzbeauftragten nachhaken - das könne aber Wochen dauern. Von internen Pannen sei die Rede gewesen, erklärte Lee." [3] Mal gespannt, was dabei herauskommt. Offenbar reicht es heutzutage schon, dem Verfassungsschutz irgendwie suspekt zu sein (vielleicht wegen allzu kritischer Berichterstattung?), um als Journalist in seiner Berufsausübung behindert zu werden. Ein eigenartiges Demokratieverständnis.

[3] Spiegel-Online vom 01.06.2007