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07. August 2007, von Michael Schöfer
Lokführerstreik - ein Ärgernis?


Die Lokführergewerkschaft GDL hat sich in einer Urabstimmung mit 95,8 Prozent für den Streik entschieden. Doch schon vor Beginn der Arbeitskampfmaßnahmen beklagt man lauthals, der Ausstand könne täglich zwei- bis dreistellige Millionenschäden verursachen, unter denen die Wirtschaft zu leiden hätte. Dabei wird gerne übersehen, dass der Beruf Lokführer trotz hoher Verantwortung nicht gerade üppig entlohnt wird. Nach dem neuen - durch Transnet und GDBA abgeschlossenen - Tarifvertrag verdient ein Lokführer zwischen 1.776 und 2.142 Euro - brutto wohlgemerkt. [1] Letzteres bedeutet je nach Krankenkasse ein Nettogehalt von ungefähr 1.360 Euro für einen Ledigen (Steuerklasse I) und gut 1.600 Euro für einen Verheirateten (Steuerklasse III).

Schon allein von daher sind Streikmaßnahmen, die zu einer deutlichen Gehaltsaufbesserung führen sollen, verständlich. Bei einer 31-prozentigen Erhöhung, die vielgeschmähte Forderung der GDL, würde das ein Nettogehalt von 1.660 Euro für einen Ledigen und 1.976 Euro für einen Verheirateten bedeuten. Auch nicht gerade berauschend. Und nebenbei bemerkt, welche Gewerkschaft ist schon einmal mit der vollständigen Erfüllung ihrer Forderung aus Tarifverhandlungen herausgekommen? Keine. Hartmut Mehdorn, der Vorstandschef der Bahn, dessen Jahresgehalt mit 3,18 Mio. das 114-Fache eines Lokführergehalts ausmacht [2], sollte demzufolge etwas kompromissbereiter sein.

Der Gesamtwert der Bahn beträgt 182 Mrd. Euro - ein mit den Mitteln der Allgemeinheit aufgebautes Vermögen. Das Ganze soll aber demnächst für einen Bruchteil des Wertes an der Börse verscherbelt (Verzeihung: privatisiert) werden. "Eine Bahn, die an die Börse gehen will, muss schlank sein. Das heißt, sie darf keine zu hohen Personalkosten haben", konstatiert Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. [3] Deshalb hält sie die Forderungen der GDL für "völlig überzogen". Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Weil der Bund Volksvermögen in Milliardenhöhe an private Kapitalanleger verschleudern möchte, sollen sich die Lokführer in Bescheidenheit üben. Eine ziemlich verquere Logik.

Die Gesamtbezüge des Vorstands der "Deutsche Bahn AG" sind übrigens seit 1999, als Mehdorn den Vorstandsvorsitz übernahm, von insgesamt 3,679 Mio. auf 20,143 Mio. im Jahr 2006 gestiegen. Das ist eine Steigerung um 447 Prozent. [4] So viel zu den angeblich "völlig überzogenen" Forderungen der Lokführer.

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[1] Hans Böckler Stiftung, WSI-Tarifarchiv
[2] Spiegel-Online vom 28.03.2007
[3] Frankfurter Rundschau vom 07.08.2007
[4] Geschäftsbericht 1999, Seite 104, PDF-Datei mit 1,65 MB, und Geschäftsbericht 2006, Teil 7, Seite 193, PDF-Datei mit 627 kb