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13. Dezember 2007, von Michael Schöfer
Ein bisschen Boulevard...


...tut auch dieser Website gut. Immerhin erhöhe ich damit meine Chancen auf eine kräftige Steigerung der Zugriffszahlen. Was den Printmedien nützt, VOR ALLEM DEN MIT DEN GROSSEN BUCHSTABEN, kommt vielleicht auch mir zugute. Immer nur trockene Themen (Politik) anzubieten, ist der Zugriffsstatistik wahrscheinlich nicht besonders förderlich - vor allem in scheinbar apolitischen Zeiten. Die Welt will schließlich, Klimakatastrophe hin oder her, gut unterhalten zugrunde gehen. Und so durchforste ich die bunten Seiten des World Wide Web nach einem dankbaren Thema.

Was sticht momentan gleich ins Auge? Die Oettingers haben sich getrennt! Die Frau von Baden-Württembergs Ministerpräsident Guenther Oettinger will künftig eigene Wege gehen, Anfang der Woche haben beide ihre Trennung öffentlich bestätigt. Inken Oettinger ist Presseberichten zufolge bereits seit einem Dreivierteljahr mit einem neuen Mann zusammen - mit dem Chef der Berliner Porsche-Niederlassung, Otmar Westerfellhaus. Pikantes Schmankerl am Rande: Als Westerfellhaus "noch die Sportwagen-Vertretung in Mannheim leitete, soll er nahe Karlsruhe in einem Sternerestaurant zufällig in eine Porsche-Runde mit Günther Oettinger geplatzt sein - mit dessen Ehefrau Inken im Arm." [1] Peinlich, peinlich. Über Handgreiflichkeiten wurde allerdings nichts berichtet. Aber man munkelt, der Herr Ministerpräsident sei ebenfalls schon anderweitig versorgt. Ein gefundenes Fressen für die Presse also. Auf das Waschen schmutziger Wäsche darf man heute schon gespannt sein, die Vorfreude des geneigten Publikums ist daher, insbesondere im stockkonservativen Ländle, riesengroß. Was lernen wir daraus? Das wahre Leben ist zuweilen viel interessanter als jede Seifenoper.

Außerdem im Fokus: Anne Will hat sich vor kurzem geoutet und zugegeben, mit ihrer langjährigen Freundin Miriam Meckel (nicht Merkel) zusammen zu sein. Das war unlängst der absolute Renner des Boulevard, aber diese Neuigkeit hat sich schnell totgelaufen. In Zeiten, in denen Vorurteile beim Volk nicht mehr so gepflegt werden wie früher, ist eine solche Story für wochenlange Auflagensteigerungen offenbar ungeeignet. Meckel hat übrigens die unangenehmen Seiten des Interesses an ihrer Person bei BILDblog anschaulich geschildert. Lustig dabei: Sie drehte den Spieß einfach um und fotografierte ihrerseits einen aufdringlichen Paparazzo, der daraufhin kurzerhand die Flucht ergriff. Ob sich die Boulevardpresse davon auf Dauer abschrecken lässt, ist jedoch zu bezweifeln. Gleichwohl gehört eine Digicam ab sofort zur Promi-Grundausstattung.

Anne Will ist also lesbisch. Und Klaus Wowereit schwul, Guido Westerwelle ebenso. Alles nicht mehr neu. Und auf eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hat das ebensowenig Einfluss, wie auf das Wahlverhalten der Wähler (zumindest in Berlin). Um Wowi zu zitieren: Das ist auch gut so. Ein für allemal vorbei mit den Zeiten, als ein beim Zuschauer äußerst beliebter Lou van Burg (Der goldene Schuss) seine Zusammenarbeit mit dem ZDF beenden musste, weil er neben seiner Frau noch eine Freundin hatte (die er nach der Scheidung sogar heiratete). [2] Die 60er waren eben ein bisschen prüde.

Wenn ich es mir recht überlege, ist bei Anne Will wichtig, wie gut sie ihre Sendung macht, und nicht mit wem sie ins Bett geht. Auch das Privatleben der Politiker ist mir völlig gleichgültig. Ob Oettinger nach gutbürgerlicher Auffassung in "geordneten" oder "ungeordneten" Verhältnissen lebt, ist für die Bewertung seiner Politik nämlich genausowenig ausschlaggebend. Insofern könnte sich der Rückgriff auf den Boulevard doch nicht so positiv auswirken, wie ich eingangs dachte. Mir schwant: Womöglich sind steigende Zugriffszahlen nicht alles. Deshalb: Zurück marsch, marsch. Künftig finden Sie hier wieder - wie gewohnt - trockenere Themen.

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[1] Frankfurter Runschau vom 13.12.2007
[2] Wikipedia, Lou van Burg