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17. Dezember 2007, von Michael Schöfer
Mal rein logisch betrachtet

Nehmen wir einmal an, ich würde mich meiner Umwelt als rigoroser Nichtraucher präsentieren. Und dann käme irgendjemand auf die glorreiche Idee, mir das Rauchen gesetzlich zu untersagen. Frage: Wie reagiere ich? Nun, als rigoroser Nichtraucher ließe mich das Gesetz natürlich völlig kalt, da ich ja ohnehin nicht rauchen möchte. Doch was wäre, wenn ich mich gegen dieses gesetzliche Rauchverbot vehement zur Wehr setzen würde? Dann könnten Sie vermutlich mit Recht annehmen, ich sei in Wahrheit gar kein Nichtraucher, sondern würde es bloß heimlich tun. Dieser Schluss entbehrt nicht einer gewissen Logik.

Das Repräsentantenhaus will harte Verhörmethoden des US-Geheimdienstes CIA per Gesetz unterbinden und umstrittene Methoden wie das simulierte Ertränken (waterboarding) ausdrücklich verbieten. Weiter auf dem Index: Gefangene dürfen "nicht gezwungen werden, sich nackt auszuziehen und sexuelle Handlungen auszuüben oder sexuelle Posen einzunehmen. Ferner ist verboten, ihnen Kapuzen oder Säcke überzustülpen, ihre Augen mit Klebeband zu verbinden, sie zu schlagen, Schocks auszusetzen oder ihnen Verbrennungen zuzufügen. Sie dürfen auch nicht mit Hunden bedroht und extremer Hitze oder Kälte ausgesetzt werden; es dürfen keine Scheinhinrichtungen ausgeführt und den Gefangenen dürfen weder Nahrung noch Medikamente entzogen werden." [1] Wenn das alles erst JETZT ausdrücklich verboten werden soll, zeigt das immerhin, was FRÜHER offenbar gängige Praxis war.

Ob George W. Bush raucht, weiß ich nicht. Aber er behauptet zumindest, die USA würden nicht foltern. O-Ton: "Diese Regierung foltert nicht." Dennoch will er gegen das Gesetz notfalls (es muss noch vom Senat gebilligt werden) sein Veto einlegen. Angeblich wird in den USA also nicht gefoltert, die US-Regierung stemmt sich dennoch mit aller Macht gegen ein Gesetz, das Folter verbieten will. Die Annahme, dass die USA entgegen ihren öffentlichen Beteuerungen heimlich foltern, entbehrt daher ebenfalls nicht einer gewissen Logik. Warum sonst würde sich der Christenmensch im Weißen Haus so vehement gegen das Gesetz zur Wehr setzen? Dass Bush, zurückhaltend formuliert, nicht immer die Wahrheit sagt, ist mittlerweile hinreichend bekannt. Warum sollte es hier anders sein?

Aber es kommt noch besser: Die CIA hat Videoaufnahmen von Verhören mutmaßlicher al Qaida-Terroristen vernichtet, angeblich sei das zum Schutz der Geheimagenten vor Racheakten geschehen. Aha. Wahrscheinlich gibt es in Langley/Virginia, der Zentrale des Geheimdienstes, eine öffentlich zugängliche Videothek, bei der al Qaida bei Bedarf Videokassetten ausleihen kann. Wie sonst sollten Terroristen an die Bänder gelangen, um sich mit ihrer Hilfe an den Geheimagenten zu rächen? Wie bitte, das halten Sie für SEHR unwahrscheinlich? Ich auch! Der Verdacht, man habe vielmehr bei der Aktion Beweise vernichten wollen, entbehrt auch hier nicht einer gewissen Logik. Außerdem: Angst vor Strafe setzt ein gewisses Maß an Unrechtsbewusstsein voraus. Und Unrechtsbewusstsein besitze ich nur, wenn ich gegen Gesetze oder Vorschriften verstoßen habe. Alles andere wäre unlogisch.

Wie Sie sehen, wenn man logisch denkt, kommt man zu folgendem Ergebnis: Die USA haben in der Vergangenheit gefoltert und tun es auch jetzt noch. Die Verantwortlichen wissen, dass das Unrecht ist und vernichten aus diesem Grund lieber sämtliche Beweise. Aber mal ehrlich, wussten wir das nicht schon immer? Oder sind Sie etwa George W. Bush auf den Leim gegangen? Noch eine Frage: Worin unterscheidet sich Guantanamo vom sowjetischen Archipel Gulag? Mal rein logisch betrachtet... Ach, die Antwort überlasse ich einfach der Logik meiner Leser.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 15.12.2007