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07. April 2008, von Michael Schöfer
Illusionen und Beziehungsstress


Im Film "Robin Hood: König der Diebe" (mit Kevin Costner) kämpft der englische Adelige Robin von Locksley (alias Robin Hood) bis zum Schluss für seine Angebetete, um sie im letzten Moment aus den Fängen des Scheusals zu entreißen. Am Ende heiraten sie natürlich. "So sollten Männer sein", schwärmte mir kürzlich eine Bekannte vor. Ja, ja, und wenn sie nicht gestorben sind, dann lieben sie sich noch immer. Typisch Hollywood. Glauben Sie das? Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass die allermeisten Schnulzen ausgerechnet dann aufhören, wenn sich das Pärchen nach vielen Verwicklungen endlich gefunden hat? In der Realität fängt es dann aber erst an, und zwar mit dem Beziehungsstress.

Kann man sich etwa Richard Gere und seine "Pretty Woman" unter Alltagsbedingungen vorstellen? Wohl kaum. Was Hollywood praktisch nie zeigt, sind Robin Hood und seine Marian nach 10 Jahren Ehe. Vermutlich würde dann allen Frauen das Schwärmen gründlich vergehen - sogar wenn es sich dabei um Kevin Costner handelt. In Hollywood wachen die Schauspieler morgens in der Regel bereits gekämmt und geschminkt auf. Die Realität sieht hingegen, wie wir alle wissen, ganz anders aus: verquollene Augen, Strubbelkopf und Mundgeruch. Trotzdem schwärmen immer wieder (hauptsächlich) Frauen von dem, was uns Hollywood präsentiert. Obgleich sie im Grunde wissen müssten, wie unrealistisch derartige Filme sind.

Wahrscheinlich besteht jedoch erhöhter Bedarf nach Illusionen, würden sie sich sonst so gut verkaufen? Vielleicht ist es gerade die ernüchternde Realität, die diesen Bedarf erzeugt. Die Illusion quasi als positives Spiegelbild der negativ empfundenen Wirklichkeit. Nun, Pretty Woman flimmerte vor 18 Jahren über die Leinwand. Es wird langsam Zeit für "Pretty Woman 2". Immer wieder gibt es Gerüchte um eine Fortsetzung des erfolgreichen Streifens. Ach, aus diesem Stoff könnte man wirklich eine tolle Satire drehen. Aber Hollywood macht, falls es "Pretty Woman 2" dereinst tatsächlich geben sollte, bestimmt wieder eine Schnulze daraus. Schade.