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03. Juni 2008, von Michael Schöfer
Obama-Euphorie ist fehl am Platze


Der Vorwahlkampf in den USA neigt sich dem Ende zu. Noch hat Hillary Clinton nicht aufgegeben, zumindest nicht offiziell. Aber auch ihr wird inzwischen klar geworden sein, dass sie eigentlich keine Chance mehr hat, ihrem Konkurrenten Barack Obama die Kandidatur um die Präsidentschaft streitig zu machen. Höchstwahrscheinlich heißt also das Duell um das mächtigste Amt der Welt: Barack Obama (Demokraten) gegen John McCain (Republikaner).

Barack Obama hat unstreitig Charisma, manche vergleichen ihn sogar mit dem jungen John F. Kennedy. Doch ob sich mit ihm, vorausgesetzt er kann wirklich gegen McCain gewinnen, viel bessert, ist fraglich. Rund 47 Mio. Amerikaner haben keine Krankenversicherung. Hillary Clinton versprach, das zu ändern. Eine generelle Krankenversicherung, das war ihr Ziel. Obama hat klar gemacht, dass er das Problem anders anpacken will. Clinton zeigte sich im zurückliegenden Wahlkampf eher fürs Programmatische zuständig, die Sympathien heimste indes Obama ein.

Zugegeben, die innenpolitischen Themen der Amerikaner mögen hier in Europa auf wenig Interesse stoßen. Uns bewegen hauptsächlich zwei Dinge: Wie werden sich die USA ökonomisch weiterentwickeln? Und welchen außenpolitischen Kurs werden sie nach dem Desaster George W. Bush einschlagen? Obama war, im Gegensatz zu Clinton, von Anfang an gegen den Irak-Krieg. Doch wie er die Truppen aus dem Wüsten-Vietnam heil herausbekommt, weiß er wohl selbst noch nicht genau. Bush hat den Karren ziemlich tief in den Dreck gefahren. Das gilt nicht nur in Bezug auf den Krieg gegen den Terror. In weiten Teilen der Welt ist das Ansehen der USA auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt, dies zu korrigieren ist eine wahre Herkules-Aufgabe.

Doch man sollte, selbst wenn Barack Obama im November gewinnt, nicht zu viel erwarten. Das politische Spektrum in den USA ist nicht mit dem in Westeuropa vergleichbar. Die Demokraten sind nämlich keineswegs als linke Partei einzustufen, vielmehr wären sie hierzulande irgendwo zwischen CDU und CSU anzusiedeln. Europäische Sozialdemokraten würden in den USA als "liberals" gelten, was dort ein Schimpfwort ist und häufig undifferenziert in einem Atemzug mit Sozialismus und Kommunismus verwendet wird. Die Republikaner wiederum könnten bei uns leicht als rechtsextrem durchgehen, einen Gutteil von ihnen darf man ohne weiteres als christliche Fundamentalisten bezeichnen.

Insofern gleicht die Auswahl zwischen Demokraten und Republikanern eher der zwischen Pest und Cholera - jedenfalls dann, wenn man politisch eher links orientiert ist. Obama-Euphorie ist daher fehl am Platze. Wir müssen ohnehin nehmen, was kommt.