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05. Juni 2008, von Michael Schöfer
Die Rückkehr der prüden 50er


Oder sollte man besser schreiben: Die übliche Heuchelei? Wie auch immer, die Affäre um den Präsidenten der FIA (Fédération Internationale de l'Automobile), Max Mosley, nimmt mittlerweile groteske Formen an. Vielleicht sollte ich noch vorausschicken, dass ich kein Anhänger von Mr. Mosley bin, er war mir nämlich bislang weitgehend unbekannt. Logisch, ich besitze weder ein ausgeprägtes Interesse für Motorsport noch darf man mich als Auto-Liebhaber bezeichnen. Die Formel 1 finde ich ziemlich langweilig, und Autos lassen mich generell kalt. Doch wie der FIA-Präsident von der Öffentlichkeit behandelt wird, ist in meinen Augen in hohem Maße verlogen und daher zu verurteilen. Die meisten Zeitungen, zu meiner Verwunderung nicht nur der Boulevard, selbst die linksliberale Frankfurter Rundschau, sprechen primär von einem "Sex-Skandal". Doch in der "Affäre Mosley" steht zunächst einmal die Presse selbst am Pranger, denn die "Affäre Mosley" ist meines Erachtens ein veritabler Presse-Skandal: Der kritische Journalismus hat auf ganzer Linie versagt.

Zur Erinnerung: "Im März 2008 geriet Mosley in die Schlagzeilen, da er laut der britischen Boulevardzeitung News of the World auf einem fünfstündigen Video als Gastgeber einer Sexorgie mit Prostituierten in Nazi-Uniformen zu sehen sein soll. Im Mai 2008 stellte sich heraus, dass Mosley sieben Wochen lang im Auftrag Dritter von einer Londoner Detektivagentur beschattet wurde. Mosley bestreitet lediglich den Bezug der Handlungen zum Nationalsozialismus; die Echtheit des Videos hat Mosley nicht in Frage gestellt." [1] Angeblich soll die Frau eines MI5-Agenten "als Prostituierte die Sex-Orgie mit Mosley organisiert, gefilmt und dann an die Öffentlichkeit weitergeleitet haben. (...) Der Gatte der Prostituierten sei beim MI5 unter anderem mit der Beobachtung mutmaßlicher Terroristen und russischer Spione beschäftigt gewesen." [2] Über die wahren Hintergründe, insbesondere über die Auftraggeber, tappt die Öffentlichkeit nach wie vor im Dunkeln. Der MI5, der britische Inlandsgeheimdienst, weist jede Verwicklung von sich.

Keine Frage, Mosley hat Feinde. Jeder in einer solchen Position hat Feinde. Doch man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Da wird einem Prominenten eine böse Falle gestellt, die sicherlich in nichts der Telekom-Affäre nachsteht, aber alle Welt echauffiert sich bloß über das Opfer. Darüber, wie, warum und vor allem durch wen es zu dieser ungeheuerlichen Verletzung der Privatsphäre kam, wird praktisch kaum diskutiert. "Einen Tag nach dem klaren Sieg des in einen Sex-Skandal verwickelten FIA-Präsidenten bei der Vertrauensabstimmung in Paris zog ADAC-Präsident Peter Meyer die Handlungsfähigkeit Mosleys in Zweifel. 'Ein Präsident, der seine Aufgaben ernsthaft und verantwortungsvoll wahrnehmen will, muss auch in der Öffentlichkeit auftreten können. Er darf nicht Persona non grata sein', sagte Meyer im Interview der Deutschen Presse-Agentur dpa. (...) Auch die französische L'Équipe sieht die peinliche Affäre um Mosleys Sadomaso-Rollenspiele mit fünf Prostituierten für den Präsidenten längst nicht ausgestanden. 'Den ersten Satz hat er für sich entschieden, aber Mosley weiß, dass die Partie noch lange nicht gewonnen ist', schrieb das Blatt." [3]

Wer erklärt hier eigentlich wen zur Persona non grata? In Monaco soll die Fürstenfamilie angeblich gemeinsame Bilder mit Mosley abgelehnt haben. Wie bitte? Ausgerechnet die Grimaldis, die bekanntlich selbst keine Kinder von Traurigkeit sind, wollen nichts mit einem Freier zu tun haben? Der lebensfrohe Fürst Albert II. ist Vater von zwei unehelichen Kindern, die er außerdem mit zwei verschiedenen Frauen gezeugt hat. [4] Bitte nicht missverstehen: Ich bin kein Moralapostel, von mir aus kann Albert II., das monegassische Staatsoberhaupt, so viel Kinder zeugen, wie und mit wem er mag. Aber wenn Albert II. über Mosley die Nase rümpft, so als habe dieser mit dem Besuch von Prostituierten ein Verbrechen begangen, ist das pure Heuchelei. Ich möchte gar nicht wissen, wie oft in gewissen Kreisen - stets unter Ausschluss der Öffentlichkeit, versteht sich - für Sex bezahlt wird. Manchmal, das darf man unterstellen, ist die Bezahlung dieser Dienstleistung geradezu fürstlich. Edel-Prostituierte sind nicht billig (Mosley soll über 2.500 Pfund, mehr als 3.000 Euro, bezahlt haben). Und bestimmt nennt man dort Prostituierte auch nicht Prostituierte. Aber egal...

Die Königsfamilie von Bahrain habe den FIA-Präsidenten ebenfalls zur Persona non grata erklärt. Staatsoberhaupt der Insel im Persischen Golf ist Scheich Hamad ibn Isa Al Chalifa. Der saubere Scheich, der in seinem Land noch nicht einmal Parteien zulässt [5] und sich zudem nicht zu schade ist, Michael Jackson persönlich zum Urlaub einzuladen, damit dieser sich von den Strapazen des monatelangen Prozesses wegen Kindesmissbrauchs erholen kann [6], möchte keinesfalls mit Max Mosley gesehen werden. Lachhaft! Im April 2008 verzichtete Mosley auf den Besuch des Grand-Prix von Bahrain, weil ihm Bernie Ecclestone davon abgeraten habe: "Die Königsfamilie in Bahrain wäre von Mosleys Besuch nicht erfreut, hatte der Formel-1-Boss gesagt." [7] Ein Besuch würde in Bahrain als Affront aufgefasst.

Ich will gar nicht darüber spekulieren, wie das Privatleben von Scheich Hamad ibn Isa Al Chalifa aussieht, ob er etwa einen Harem besitzt oder jemals Geschlechtsverkehr mit einer Prostituierten hatte. Es geht mich auch gar nichts an, denn das gehört zur unantastbaren Privatsphäre jedes Menschen. Sogar wenn es arabische Scheichs betrifft. Ob die Kritiker Mosleys im stillen Kämmerlein Sado-Maso-Spielchen treiben oder ausschließlich Blümchen-Sex praktizieren, geht mich ebenso wenig an. Es interessiert mich obendrein einen feuchten Kehricht. Was mich dagegen interessiert, und das zu Recht, wie ich meine, ist die Reaktion auf die Veröffentlichung des Mosley-Videos. Man könnte fast meinen, die prüden fünfziger Jahre feiern fröhliche Urständ. Es sind jedenfalls etliche Heuchler unterwegs. Und dass Mosleys Vater, Oswald Mosley, britischer Faschistenführer war, kann man dem Sohn doch nicht allen Ernstes vorwerfen. Immerhin hat es bislang keinen gestört. Warum plötzlich jetzt? Mir ist die politische Einstellung von Max Mosley völlig unbekannt, aber Sippenhaft darf es nicht geben, schließlich leben wir im 21. Jahrhundert.

Ist es so leicht, jemanden fertig zu machen, ihn in aller Öffentlichkeit zu diskreditieren? Offenbar. Warum, so frage ich mich, regt sich alle Welt über den vermeintlichen "Sex-Skandal" auf, aber so gut wie nie über die sensationslüsternen Pressemeldungen und die hämischen Kommentare in den Gazetten? Weil Redakteure niemals Prostituierte aufsuchen? Weil Sado-Maso-Spielchen wie anno dazumal als pervers gelten? Weil Journalisten das selbstverständlich niemals machen würden? Weil die Veröffentlichung höchst privater Videoaufnahmen bei YouTube oder YouPorn (inklusive des Bruchs der Intimsphäre) inzwischen normal ist? Nein, die Welt sollte sich vielmehr über die unbekannten Hintermänner aufregen. Und über die zahlreichen Heuchler, die Mosley jetzt abservieren wollen. Im Grunde hat er doch das getan, wonach sich die meisten Menschen sehnen: ausleben zu können. Hey, und er kann es sich offenkundig leisten. Darüber lauthals zu klagen, über die fiese Falle jedoch nicht, ist äußerst beschämend. Ich hätte mir eine wesentlich kritischere Berichterstattung gewünscht. Dass sie nicht kam, ist bezeichnend für das Niveau des heutigen Journalismus. Wir sollten folglich nicht über die Ethik von Max Mosley diskutieren, sondern über die Ethik des Journalismus. Die ist, wie man unschwer erkennen kann, auf den Hund gekommen.

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[1] Wikipedia, Max Mosley
[2] Frankfurter Rundschau vom 19.05.2008
[3] Frankfurter Rundschau vom 04.06.2008
[4] ARD
[5] Botschaft von Bahrein
[6] Spiegel-Online vom 30.06.2005
[7] Spiegel-Online vom 02.04.2008