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04. Juli 2008, von Michael Schöfer
Wunder gibt es immer wieder


Arme SPD: Schwache 25 Prozent in der aktuellen Sonntagsfrage bei Infratest dimap, magere 22 Prozent bei Forsa. Armer Kurt Beck: "Bei einer Direktwahl des Bundeskanzlers könnte Angela Merkel derzeit 67 Prozent der Wahlberechtigten für sich gewinnen, auf SPD-Chef Kurt Beck entfielen 13 Prozent der Stimmen." [1] Und wenn sich jemand partout nicht entscheiden kann, hört man immer öfter: "Mach' jetzt bloß keinen auf Ypsilanti." Die gute Andrea aus Hessen dient inzwischen als Synonym für hochgradige Entscheidungsschwäche. Überschäumende Zuneigung sieht gewiss anders aus.

Das sonst recht kurze Gedächtnis der Wähler erweist sich obendrein ausgerechnet in Bezug auf die SPD als erstaunlich langlebig, offenbar will keiner den Sozialdemokraten die Agenda 2010 verzeihen. "Die größte politische Leistung der Regierung Schröder ist die Rettung des Sozialstaats", behauptet Bundesarbeitsminister Olaf Scholz keck. [2] Doch wahrscheinlich hatten die Menschen unter dem Begriff "Rettung des Sozialstaats" ganz andere Vorstellungen, sonst wären sie der SPD nicht in Scharen davongelaufen.

Wo soll das nur enden? Spötter sprechen schon von Kurt Becks "Projekt 18" - ein Schlagwort, mit dem Guido Westerwelle (FDP) bei der Bundestagswahl 2002 für seine Partei endlich wieder ein Wahlergebnis im zweistelligen Bereich einfahren wollte. Ohne Erfolg, wie wir wissen. Kurt Beck scheint es hingegen zu gelingen, er nähert sich konsequent den 18 Prozent. Von oben. Manche, wie beispielsweise der Oeffinger Freidenker, behaupten deshalb: Die SPD will gar nicht regieren. "Glaubt die SPD, es geschieht ein Wunder?", wird da verblüfft gefragt. Ungewollt bringt man so die Sozis auf die richtige Spur.

Ein Wunder muss her. Und zwar flott. Dass dies durchaus möglich ist, zeigt nachfolgende historische Begebenheit: "Wunder gibt es immer wieder", sang Katja Ebstein anno 1970. Beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson erreichte sie damit in Amsterdam immerhin den dritten Platz. Und was passierte? Die SPD wurde 1972 bei der legendären Bundestagswahl (Slogan: "Willy wählen") mit 45,8 Prozent prompt stärkste Partei.

"Viele Menschen suchen jeden Tag aufs neu, jemand der sein Herz ihnen gibt
Und wenn sie schon glauben, er kommt nie vorbei
Finden sie den einen, der sie liebt." (Katja Ebstein)

Einfach herzzerreißend. Passt das nicht wie die Faust aufs Auge zur miserablen Lage von Kurt Beck? Natürlich. Und wie! Könnte glatt von ihm sein. Meine Prognose: 2009 werden die Sozialdemokraten wie Phönix aus der Asche auferstehen und für alle unerwartet über Angie triumphieren.

Fehlt jetzt bloß noch das Wunder. Oder hilft vielleicht abermals eine Schnulze? Dieter Bohlen würde ich dafür allerdings nicht nehmen, denn der ist ähnlich unbeliebt wie Beck (oder sogar noch unbeliebter). Guildo Horn könnt' sich mal wieder etwas Neues einfallen lassen. Der hat bestimmt eine Affinität zur Politik, denn Guildo kam 1963 als Horst Köhler (!) auf die Welt. Ungelogen. Ebenfalls passend, finden Sie nicht? Nun, dann ist die SPD ja schon so gut wie gerettet.

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[1] Frankfurter Rundschau vom 04.07.2008, ARD-DeutschlandTREND Juli 2008, Seite 11, PDF-Datei mit 277 kb
[2] Die Zeit vom 17.04.2008