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09. April 2009, von Michael Schöfer
Erdbeben haben auch Vorteile


In Italien bebt immer wieder die Erde, zuletzt traf es vor ein paar Tagen die Abruzzen. Momentan sind 272 Tote zu beklagen, es werden aber weitere Menschen vermisst, die Zahl der Toten könnte deshalb noch ansteigen. "17.000 Menschen haben durch das Erdbeben ihr Zuhause verloren. Die meisten wurden in Zeltlagern in der Nähe der schwer zerstörten Regionalhauptstadt L’Aquila untergebracht." [1]

Der Leidensweg der Obdachlosen hat gerade erst begonnen und wird möglicherweise noch etliche Jahre andauern. Silvio Berlusconi, dessen Talent für dumme Bemerkungen immer wieder aufs Neue erstaunt ("man muss es eben nehmen wie ein Campingwochenende"), trägt daran noch nicht einmal die Hauptschuld, denn Erdbebenopfer alleine lassen hat in Italien eine lange Tradition. Die Unterstützung versickert häufig in dunklen Kanälen, am Leichenschmaus soll sich vor allem die Mafia laben.

Beispiele gefällig? Am 28. Dezember 1908 kommen in Messina bei einem Erdbeben der Stärke 7,5 mehr als 80.000 Menschen ums Leben. Noch heute findet man dort Baracken, die damals als Notunterkünfte dienten. Keine Touristenattraktion, wie man vielleicht annehmen könnte, nach wie vor hausen Erdbebenopfer in slumähnlichen Provisorien am Rande der Großstadt (mittlerweile in der zweiten und dritten Generation). Wohlgemerkt: Das Beben ereignete sich vor 101 Jahren! [2]

Im sizilianischen Belice, wo am 15. Januar 1968 ein Erdbeben 370 Menschen tötete, lebten 13 Jahre später 40.000 Menschen in Notbaracken. [3]

Am 23. November 1980 starben in Neapel und Umgebung bei einem Beben der Stärke 6,5 rund 3.000 Menschen. Der italienische Staat investierte 40 Mrd. Euro in den Wiederaufbau, aber 1991 wohnten noch immer mehr als 32.000 Menschen in Behelfsheimen. [4]

Am 26. September 1997 bebte die Erde in Umbrien - zwei Jahre später beherbergten 91 Containersiedlungen 8.000 Obdachlose. [5] "Im Jahr 2007 sind die Container (...) verschwunden. Sie wurden 2000/2001 durch Holzhäuschen ersetzt." [6] Die Rückkehr in ein festes Haus ist für viele ein unerfüllter Traum geblieben.

Erdbeben haben auch Vorteile: Manchen reiben sich gewiss schon die Hände, für sie ist das Ganze zweifellos ein "Konjunkturprogramm" der besonderen Art. So gesehen ist Berlusconis Fauxpas sicherlich das geringste Übel.

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[1] Süddeutsche vom 08.04.2009
[2] Andreas Seebacher, Wiederbeschaffung von Wohnraum im Rahmen humanitärer Hilfe nach Kriegen, Dissertation, Fakultät für Architektur und Stadtplanung der Universität Stuttgart, Drittes Kapitel, Seite 89, PDF-Datei mit 5,3 MB
[3] Die Zeit vom 28.11.1980
[4] DER SPIEGEL 14/1991 vom 01.04.1991
[5] DER SPIEGEL 11/2000 vom 13.03.2000
[6] Coverzine, Fotografische Dienste, April 2007