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29. August 2009, von Michael Schöfer
Ende der neoliberalen Eiszeit in den Medien?


Der Oeffinger Freidenker ist sich zwar noch unsicher, sieht aber Anzeichen dafür, "dass nach den Jahren der neoliberalen Eiszeit langsam wieder ein Tauwetter einsetzt in den Mainstreammedien der Republik. Es scheint, als leite die Krise eine Renaissance des kritischen Journalismus ein, denn die Missverhältnisse lassen sich einfach nicht mehr unter den Tisch kehren." Zwar registriert man bei den Medien in der Tat eine kritischere Haltung, etwa gegenüber Managern oder Bankern, doch ist das momentan ohnehin en vogue. Die Mainstreammedien schwimmen eben - wie gewohnt - im Mainstream. Frühere publizistische Sünden werden dabei jedoch konsequent ignoriert. Beispiel Thomas Middelhoff: Vor Jahren galt das einstige Wunderkind unter den deutschen Top-Managern als "Marketing-Experte und schneller Entscheider". Jetzt heißt es, man habe "sich durch Middelhoffs brillante Performance bei Präsentationen blenden" lassen. Doch ist das wirklich ein Lernprozess? Wohl kaum. Hat man sich dafür entschuldigt? Nein. Heute hebt die Presse andere in den Himmel - bis zum Beweis des Gegenteils.

Nehmen wir uns einmal die Auszeichnungen vor, die das manager-magazin vergibt. "Die Aufnahme in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaftszeitschrift Manager Magazin ist eine bedeutende Auszeichnung für deutsche Ökonomen und Manager", sagt Wikipedia. In der "Hall of Fame" finden wir so illustre Persönlichkeiten wie den ehemaligen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und den ehemaligen Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Der eine ist durch krasse Fehlspekulationen (größenwahnsinnige Übernahmeschlacht um VW, verlustreiche Aktiengeschäfte), der andere durch Schmiergeldaffären seiner Firma ins Zwielicht geraten. Das Gleiche erleben wir beim zweiten Preis, den das manager-magazin vergibt, den "Manager des Jahres". In den Reihen der Preisträger finden wir Jürgen Schrempp, der mit seinen hochfliegenden Plänen (Kauf von Chrysler, Vision von der "Welt-AG") Milliarden in den Sand setzte, und Klaus Zumwinkel, dessen Steueraffäre unvergessen ist. Gewiss, alle haben auch ihre Verdienste, selbst Zumwinkel. Aber rückblickend betrachtet relativiert sich halt vieles. Ob man dieses Jahr vorsichtshalber keine Auszeichnungen vergibt? Am besten wäre, man würde ganz darauf verzichten.

Dafür werden andere niedergemacht, sogar von der vormals linksliberalen Frankfurter Rundschau. Oskar Lafontaine (Die Linke) wird dort mittlerweile als "Saarkasper" bzw. "saarländischer Napoleon-Imitator" beschimpft und das Leser-Forum nach 66 überwiegend kritischen Kommentaren von der Redaktion mit den Worten "Einmal muss Schluss sein! (…) Es reicht" kurzerhand geschlossen. Tauwetter bei den Mainstreammedien? Zumindest die FR friert langsam ein. Oje, du linksliberales Flaggschiff, was ist nur aus dir geworden? Karl Gerold dreht sich bestimmt im Grab herum.

Nach wie vor blenden die Mainstreammedien ökonomische Erkenntnisse aus. Oder sie streuen ihren Lesern bewusst Sand in die Augen. Das eine ist so schlimm wie das andere. Beispiele gefällig? Nun denn:

1. Konsumlaune
"Konsumfreude treibt deutsche Wirtschaft an", titelt etwa Die Welt. Auch Die Zeit meldet hocherfreut: "Die Deutschen sind in Kauflaune. (…) Nach dem Ende der Rezession und leicht verbesserten Konjunkturprognosen sagen die Marktforscher der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für den Monat September das beste Konsumklima seit Jahresbeginn voraus", heißt es dort. Die Süddeutsche stimmt ebenfalls in den Jubelchor mit ein: "Verbraucher sehen Ende der Wirtschaftskrise." Nur beiläufig wird - wenn überhaupt - erwähnt, dass die privaten Konsumausgaben im ersten Halbjahr 2009 nur dank der Abwrackprämie um 0,1 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2008 gestiegen sind. "Ohne die Käufe von Personenkraftwagen hätte sich der private Konsum um 1,0% vermindert", stellt das Statistische Bundesamt fest. Mit anderen Worten: Zieht man den durch die Abwrackprämie induzierten Umsatz ab, verflüchtigt sich die vermeintliche Kauflaune ganz von alleine. Es kann also genaugenommen weder von einem Ende der Rezession noch von einem Aufschwung die Rede sein. Im Gegenteil, kommen keine neuen Konjunkturprogramme, könnte der Konjunkturverlauf eher einem W anstatt einem V gleichen. Pessimisten befürchten ein L. Und wo, bitteschön, bleiben denn die strukturellen Änderungen (Stärkung der Massenkaufkraft, Umverteilung von oben nach unten), die wir für die Bewältigung der Krise vornehmen müssen? Bislang totale Fehlanzeige. Die Mainstreammedien halten sich mit solchen Forderungen dezent zurück.

2. Inflation
Gebetsmühlenhaft wird, insbesondere in Deutschland, vor der Inflation gewarnt. Der Erholung folgt die Inflation, behaupten viele. Die Süddeutsche rät ihren Lesern in weiser Voraussicht: "Wenn die Inflation kommt - Wohneigentum schützt vor galoppierenden Preisen." Nun, angesichts der Hyperinflation, unter der Deutschland in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zu leiden hatte und die einen Großteil der Bevölkerung verarmen ließ, war das natürlich zu erwarten. Gleichwohl sollten die Medien stärker ökonomische Fakten berücksichtigen, weniger die aus der Geschichte herrührenden Ängste. Laut Bundesbank lag die Kapazitätsauslastung der verarbeitenden Industrie in der Euro-Zone im dritten Quartal 2009 bei mageren 69,5 Prozent - ein historischer Tiefstand. Es wird lange dauern, bis wir aus diesem tiefen Tal heraus sind. Die Arbeitslosigkeit steigt wahrscheinlich im Herbst stark an, was die Löhne der verbleibenden Arbeitnehmer weiter unter Druck setzt. Die Lohnquote (der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am gesamten Volkseinkommen) ist hierzulande so niedrig wie nie zuvor. Auch die Import-, die Erzeuger- und damit die Verbraucherpreise sind drastisch gesunken. Was konkret die Inflation anheizen soll, ist also unklar. Angesichts der Daten droht uns vielmehr eine Deflation. Dennoch liest man in der Presse ständig: Achtung, Inflationsgefahr!




[Quelle: Statistisches Bundesamt]


[Quelle: Statistisches Bundesamt]

Eine Schwalbe macht bekanntlich noch keinen Sommer, genauso wenig verändern ein paar kritische Kommentare die neoliberale Grundausrichtung der Mainstreammedien. Ich fürchte, es wird nach einer kurzen Erholungsphase weitergehen wie bisher. Leider. "Ökonomen erwarten Wachstumsschub im Herbst." [1] "Deutscher Export zeigt klare Zeichen der Erholung." [2] "Banken und Institute heben Prognosen an." [3] Überspitzt formuliert: Krise? Welche Krise? Vermutlich werden aus dem scheinbar kurzen Krisen-Intermezzo bereits die falschen Schlüsse gezogen. Schon warnen einige abermals vor dem Anwachsen der Löhne (so als seien sie in der Vergangenheit überproportional gestiegen). Stärkung des Binnenmarkts? Was ist das? Schließlich sagt Angela Merkel: "Export ist Schlüssel zu unserem Wohlstand." [4] Aha. Na, dann...

Seit langem warnen Kritiker, die Propaganda von GfK (Stagnierende Preise locken Verbraucher in die Läden), ifo (ifo-Index zeigt stärksten Anstieg seit zwölf Jahren) und ZEW (Wirtschaftsstimmung auf Drei-Jahreshoch) unkritisch nachzuplappern. Trotzdem geschieht es immer wieder. Mindestens ebenso lang hofft man darauf, den Journalisten würde endlich die Diskrepanz zwischen den Prognosen und der Realität auffallen. Vergeblich. Ich fürchte, die meisten lernen nie dazu. Es wäre wirklich schön, wenn die neoliberale Eiszeit endlich einer keynesianistischen Warmphase weichen würde (selbstverständlich unter der kritischen Begleitung der Medien). Ich bin bloß skeptisch. Aber warten wir es ab, Wunder gibt es immer wieder.

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[1] Spiegel-Online vom 28.08.2009
[2] Focus-Money vom 07.08.2009
[3] Die Welt-Online vom 27.08.2009
[4] Bundesregierung