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29. Dezember 2009, von Michael Schöfer
Warum tötest du, Zaid?

(eine Rezension)

Jürgen Todenhöfer ist ein bemerkenswertes Buch gelungen. In "Warum tötest du, Zaid?" beschäftigt er sich mit den Motiven des irakischen Widerstands, dazu ist er persönlich in den von den USA besetzten Irak gereist. Todenhöfer war nicht offiziell, als sogenannter "embedded journalist", im Zweistromland, da diese seiner Meinung nach in der Regel nur das zu sehen bekommen, "was sie nach Auffassung der PR-Abteilungen des Pentagon sehen sollen". (Seite 27) Das reicht ihm nicht aus. Zaid, dem er im Irak begegnet, war ursprünglich gar nicht aktiv am Widerstand beteiligt. Aber nachdem amerikanische Scharfschützen Zaids jüngere Brüder Haroun und Karim grundlos töten, schließt er sich dem bewaffneten Widerstand an.

Danach ist Zaid für Bombenanschläge auf US-Soldaten verantwortlich. Und er ist nicht der einzige Widerstandskämpfer, der Todenhöfer seine Motive schildert. Der ehemalige CDU-Politiker versucht Verständnis für den irakischen Widerstand zu wecken und weiß durchaus zwischen den Widerstandskämpfern und Al-Qaida zu differenzieren. Der irakische Widerstand ist für Todenhöfer angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA legitim, Al-Qaida bezeichnet er dagegen als Terrorgruppe, der jegliche Legitimität fehle. Wer die Berichte der Iraker liest, kann nachvollziehen, warum sie töten. Unter ähnlichen Umständen würden wir womöglich ebenfalls zur Waffe greifen. Ob die Berichte wirklich stimmen, ist allerdings - wie so vieles in Kriegszeiten - ungewiss. Für Leichtgläubigkeit, das gilt wohlgemerkt mit Blick auf beide Seiten, besteht kein Anlass. Wäre es für westliche Journalisten nicht extrem lebensgefährlich, den Irak-Krieg aus der Sicht der Iraker kennen zu lernen, wofür die Iraker zweifellos selbst gesorgt haben, gäbe es wesentlich mehr solcher Berichte.

Es ist in Konflikten generell sinnvoll, sich mit dem Standpunkt der anderen Seite auseinander zu setzen. Nicht zuletzt deshalb, weil man auf diese Weise die eigenen Taten wie einen Spiegel vorgehalten bekommt. "Der Westen ist viel gewalttätiger als die muslimische Welt", sagt Todenhöfer. (Seite 169) Und es sei kaum verwunderlich, wenn angesichts dessen die Extremisten immer mehr Zulauf bekommen. (Seite 174) "Die zynische Entmenschlichung im Namen der Menschenrechte, an die die blutigen Bilder aus dem Irak, Afghanistan und anderen muslimischen Ländern jeden Tag erinnern, hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis der Muslime eingebrannt. (…) Wie soll die muslimische Welt an unsere Werte Menschenwürde, Rechtsstaat und Demokratie glauben, wenn sie von uns nur Unterdrückung, Erniedrigung und Ausbeutung erlebt?" (Seite 177)

Obgleich der Westen ohne Zweifel häufig eine heuchlerische Politik praktiziert, ist er dennoch nicht für sämtliche Unbill auf der Welt verantwortlich. Die offenkundige Rückständigkeit der islamischen Welt ist, anders als es Todenhöfer suggeriert, keineswegs nur auf den Kolonialismus zurückzuführen, sondern hat durchaus Gründe, die in der islamischen Welt selbst zu suchen sind. Im Gegensatz zum Westen hat sich die islamische Welt nämlich nie vom intellektuell einengenden Korsett des Glaubens lösen können. Die gesellschaftliche Erstarrung, die in der Religion ihre Ursache findet, ist seit langem kennzeichnend für die islamische Kultur. Da hilft auch kein Verweis auf die führende Stellung, die einst Andalusien (Al-Andalus) einnahm. Diesen Ranglistenplatz hat die islamische Welt eigenhändig verspielt. Trotzdem: Alles in allem ein lesenswertes Buch, das uns den Irak-Krieg aus einer anderen, ungewohnten Perspektive vermittelt.