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21. Dezember 2010, von Michael Schöfer
Einem geschenkten Gaul...


Glückliche Athener! Nein, ich rede jetzt nicht vom neuzeitlichen Griechenland, das über beide Ohren verschuldet ist und sich deshalb harten Sparzwängen unterwerfen muss. Ich rede vom klassischen Griechenland der Antike. Damals, im 5. Jahrhundert v. Chr., wirkte in Athen ein Staatsmann von wahrlich beeindruckendem Format: Perikles. "Mit seinem Wirken gingen der Ausbau der Attischen Demokratie, die Sicherung der Vormachtstellung Athens im Attischen Seebund und die Durchführung eines glanzvollen Bauprogramms auf der Athener Akropolis einher", schreibt Wikipedia. Ein kluger Staatsmann also, außerdem war er offenbar ein blendender Rhetoriker. Kurzum, Perikles verkörperte das, was wir heutzutage immer herbeisehnen, aber leider nie bekommen.

Für die Neuzeit mit ihrem angeblichen Kulturverfall sind ganz andere Politikertypen kennzeichnend. Maggie Thatcher etwa, die tatsächlich glaubte, Großbritannien wie einen kleinen Krämerladen führen zu können. Oder Ronald Reagan. Nie hat ein Schauspieler überzeugender einen US-Präsidenten gemimt. Der von ihm hinterlassene Schuldenberg, das Staatsdefizit stieg während seiner Amtszeit um 186,3 Prozent, ist legendär. Immerhin war er im medienwirksamen Aufsagen von Redetexten nicht zu überbieten. Dass er sie selbst kaum verstand, war dabei vollkommen unerheblich. Gleichwohl gilt er vielen Amerikanern noch heute als großer Präsident. Nun ja...

Die wahre Größe eines Menschen zeigt sich manchmal in den kleinen Dingen. Bei Geschenken zum Beispiel. Es ist seit langem üblich, dass Staatsgäste bei Besuchen wertvolle oder zumindest originelle Präsente mitbringen. Im Bundeskanzleramt (Volksmund: Bundeswaschmaschine) kann man einige davon besichtigen. So sind dort u.a. ein afrikanisches Schachspiel (Bild 1) und ein wertvolles Buch (Bild 2) zu bewundern. Ebenso das goldene Zigarettenetui (Bild 3), das der türkische Ministerpräsident Adnan Menderes 1954 Konrad Adenauer überreichte. Selbstverständlich lässt sich über Geschmack streiten, insbesondere wenn die Staatsgäste aus einem anderen Kulturkreis stammen. Das will heißen: Nicht jeder Porzellanteller oder nicht jeder Kerzenständer ist, jedenfalls nach meinem Dafürhalten, schön. Der Beschenkte muss bei solchen Dingen die gute Absicht würdigen, sich ostentativ freuen, selbst wenn ihm innerlich ganz anders zumute ist. Ein bisschen heucheln - aber lediglich aus Gründen der Staatsraison, versteht sich.


Bild 1: afrikanisches Schachspiel


Bild 2: wertvolles Buch


Bild 3: goldenes Zigarettenetui

Doch bei einem Präsent musste ich wirklich lachen, weil es so charakteristisch ist. Ich spreche vom Geschenk George W. Bushs, dem Vorgänger von Barack Obama. Der galt ja stets als tumber Tor, der lieber Comics als Bücher liest. Das war wahrscheinlich gar keine boshafte Anti-Bush-Propaganda, sondern bittere Realität. George W. Bush schenkte nämlich unserer Bundeskanzlerin eine Kiste mit Spielfilmen (Bild 4), darunter so erlesene Werke wie "Grease" mit John Travolta und Olivia Newton-John. Typisch Bush eben, fehlt eigentlich bloß noch die Playstation. Seien Sie ehrlich, hätten Sie von ihm mehr erwartet? Ich zumindest nicht. Und so jemand darf acht Jahre lang die Supermacht der Neuzeit regieren. Glückliche Amerikaner? Nein, nicht wirklich. Es soll dort drüben Menschen geben, denen George W. Bush einfach nur peinlich ist. Sogar jetzt noch. Ich kann sie verstehen. Und vielleicht, wenigstens insgeheim, ist auch die Bundeskanzlerin der gleichen Ansicht. Was Angela Merkel damals wohl gedacht hat? Vielleicht lesen wir es irgendwann bei WikiLeaks.


Bild 4: das Staatsgeschenk von George W. Bush, eine Kiste mit DVDs und CDs